Wenn Reichskanzler Otto von Bismarck das wüsste, er könnte es wohl kaum glauben. Die Sozialgesetze, mit denen unter seiner Federführung in den 1880er Jahren in schneller Folge die Renten-, Kranken-, und die gesetzliche Unfallversicherung eingeführt wurden, sind heute für viele Länder der Welt ein „deutscher Exportschlager“.

Reichskanzler Otto von Bismarck (Bildquelle: DGUV)

Reichskanzler Otto von Bismarck (Bildquelle: DGUV)

Zu Recht sagt der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und lobt die Verbindung von „Solidarität mit einem gemeinsamen Interesse von Arbeitgebern und Arbeitnehmern an Kostenkontrolle und Effizienz“. Bismarck selbst war offenbar nicht so überzeugt von dem Gesetzeswerk. Wie jüngst in einem Zeitungsartikel zu lesen war, nannte er die Sozialgesetze verächtlich einen „geheimrätlichen Wechselbalg“. Nicht sehr schmeichelhaft. In seinen Lebenserinnerungen sollen sie ihm keine einzige Erwähnung wert gewesen sein.

Viel ist darüber geschrieben worden, warum sich Bismarck überhaupt dazu entschlossen hat, Sozialgesetze einzuführen. Kurz zusammen gefasst, werden zwei Motive angeführt: Zum einen will Bismarck die soziale Frage entspannen. In der beginnenden industriellen Revolution lebt die Arbeiterschaft unter elenden Bedingungen. Krankheit oder Unfall bedeuten unweigerlich den Abstieg in die Armut. Das ist Bismarck bewusst, wie das folgende Zitat zeigt: „Verfällt er (der Arbeiter) aber der Armut auch nur durch eine längere Krankheit, so ist er darin nach seinen eignen Kräften vollständig hilflos und die Gesellschaft erkennt ihm gegenüber bisher eine eigentliche Verpflichtung außer der ordinären Armenpflege nicht an, auch wenn er noch so treu und fleißig die Zeit vorher gearbeitet hat.“

Arbeitssituation in einer Fabrik Ende des 19. Jahrhunderts. (Bildquelle: DGUV)

Arbeitssituation in einer Fabrik Ende des 19. Jahrhunderts. (Bildquelle: DGUV)

Zum anderen will Bismarck mit dem Gesetz die aufkeimenden Unruhen der unzufriedenen Arbeiter unterbinden. Er will sie mit dem Staat versöhnen, um sie nicht weiter in die Arme eines politischen Gegners zu treiben. Die Sozialgesetze sind für ihn deshalb auch ein wirksames Mittel “gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“.

In der “Kaiserlichen Botschaft“, mit der Kaiser Wilhelm I. 1881 die Sozialversicherung begründete, liest sich das wie folgt: “Schon im Februar dieses Jahres haben Wir Unsere Überzeugung aussprechen lassen, dass die Heilung der sozialen Schäden nicht ausschließlich im Wege der Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen, sondern gleichmäßig auf dem der positiven Förderung des Wohles der Arbeiter zu suchen ist.“

Die Kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881 enthält die Grundzüge eines vollständigen Systems der Arbeiterversicherung und sieht den Aufbau einer Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung vor. (Bildquelle: DGUV)

Die Kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881 enthält die Grundzüge eines vollständigen Systems der Arbeiterversicherung und sieht den Aufbau einer Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung vor. (Bildquelle: DGUV)

Ob nun das soziale Gewissen oder das politische Kalkül des Reichskanzlers überwogen hat, aus der Sicht der Nachgeborenen spielt das keine große Rolle mehr. Die Errungenschaften der Sozialgesetze sind schon lange zur Gewohnheit geworden. Für uns ist es selbstverständlich, dass wir bei vielen Fährnissen des Lebens staatlich abgesichert sind. Nur der Blick in andere Teile der Welt, könnte uns bisweilen noch daran erinnern, dass die Sozialgesetze tatsächlich ein Meilenstein waren. Denn in vielen Ländern sind Menschen im Krankheitsfall oder bei einem Arbeitsunfall auch heute noch weitgehend auf sich allein gestellt. Nach „eignen Kräften vollständig hilflos“ wie Bismarck es ausdrückte.

Im Rückblick ist man versucht von einer Ironie der Geschichte zu sprechen. Von der politischen Ordnung des Fürsten von Bismarck ist nicht viel übrig geblieben. Im modernen Europa würde er sich wohl kaum zurecht finden. Arbeitsministerin Andrea Nahles sagte jüngst bei der Einweihung des neuen Gebäudes der gesetzlichen Unfallversicherung in Berlin, Bismarck würde sich wohl die Haare raufen, wenn er sie an dieser Stelle sehen könnte – als Sozialdemokratin und Frau. Aber gerade sein ungeliebtes „Wechselbalg“, die Sozialversicherung, ist nach wie vor vital und gefragt. Davon zeugt allein im Bereich der Unfallversicherung das große Interesse anderer Länder am deutschen System. Wie können Rehabilitation, Prävention und Absicherung von Beschäftigten organisiert werden? Die Zahl der internationalen Kooperationen nimmt beständig zu.

Es sieht so aus, als habe sich die Sozialversicherung von ihrem Vater emanzipiert. Sie musste sich seit ihrer Gründung vielfach behaupten. Das stärkt das Selbstbewusstsein. Eine ganz normale Entwicklung also. Die erlaubt auch einen respektvollen Blick in die Vergangenheit: In diesem Sinne, einen herzlichen Glückwunsch an Otto von Bismarck.

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Eine Antwort auf Zum 200. Geburtstag des Fürsten von Bismarck

  1. Rolf Schaper sagt:

    Vielen Dank für Ihren Beitrag. Er beleuchtet historisch zutreffend die Wurzeln unserer Sozialversicherung.

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