Eine Frage, die mir Journalisten in meiner Zeit bei der DGUV schon häufiger gestellt haben, ist die Frage nach dem gefährlichsten Beruf: „Ich würde gern eine Geschichte darüber machen, in welchen Berufen die Leute besonders häufig Unfälle haben. Können Sie mir mit einer Statistik helfen?“ Die Antwort ist leider ziemlich unbefriedigend – auch für mich selbst – denn im Grunde lautet sie: Nein.

Woran liegt das? Erhält die Unfallversicherung nicht alle möglichen Daten über Arbeitsunfälle? Müsste es nicht leicht für sie sein, das Unfallrisiko für bestimmte Berufsgruppen zu ermitteln?

Eine Frau im Büro stolpert, ihre Unterlagen fliegen aus ihren Händen und sie fällt Richtung Boden.

Auch ein Job im Büro hat Risiken. Bild: DGUV

Um diese Fragen zu beantworten, muss man sich zunächst anschauen, was bei einem Arbeitsunfall passiert:

Arbeitsunfälle sind meldepflichtig, wenn sie eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 3 Tagen oder den Tod der Versicherten zur Folge haben. Meldepflicht bedeutet, dass der Arbeitgeber ein Formular, die so genannte Unfallanzeige, ausfüllen und an seine Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse schicken muss. In der Unfallanzeige wird auch das Merkmal „Beruf“ abgefragt. Die absolute Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle in einer Berufsgruppe – zum Beispiel Einzelhändler oder Dachdecker – kennt die gesetzliche Unfallversicherung also. (Diese Zahlen werden unter anderem jedes Jahr im Unfallbericht der DGUV veröffentlicht.)

Nur leider hilft uns das bei der Frage nicht weiter, wie gefährlich ein Beruf ist. Zunächst stellt sich die Frage: Was bedeutet „gefährlich“ eigentlich? Die Spannbreite der möglichen Folgen bei einem Arbeitsunfall ist enorm. Sie reicht von harmlosen Schürfwunden bis zur tödlichen Kopfverletzung. Die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle sinkt seit Jahrzehnten – und das ist auch gut so. Da die Zahlen aber inzwischen niedrig sind, fällt es schwer, noch eindeutige Schwerpunkte im Versicherungsgeschehen zu ermitteln. Helfen die Unfallrenten weiter? Immerhin bedeutet eine Unfallrente, dass ein Arbeitsunfall einen bleibenden Gesundheitsschaden zur Folge hatte.

Die Zahl der Unfallrenten kennen wir – auch nach Beruf. Ist das die Lösung? Leider nein. Um beurteilen zu können, wie gefährlich eine Tätigkeit letztlich ist, muss man nicht nur wissen, wie viele Arbeitsunfälle dabei geschehen, sondern auch wie viele Menschen wie lange gearbeitet haben, damit es zur gemessenen Zahl von Arbeitsunfällen kommt. Man muss angeben können, wie viele Arbeitsunfälle pro Zeiteinheit – zum Beispiel 1 Million Arbeitsstunden – geschehen, um unterschiedliche Berufe vergleichbar zu machen. Sonst ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man die Gefährlichkeit eines Berufs über- oder unterschätzt.

Leider weiß niemand verlässlich, wie viele Menschen in wie vielen Berufen wie lange arbeiten. Der gesetzlichen Unfallversicherung wird die Zahl der Arbeitsstunden nur pro Betrieb und Berufsgenossenschaft gemeldet.

Was bedeutet das nun für unsere Frage?

Eine Statistik zu den gefährlichsten Berufen gibt es leider nicht. Vergleichbar sind hinsichtlich des Unfallrisikos nur die einzelnen Unfallversicherungsträger. Aus diesem Vergleich kann man ablesen, dass in Branchen mit hohem Produktionsanteil im Durchschnitt mehr passiert als zum Beispiel in der Verwaltung (siehe Grafik Meldepflichtige Arbeitsunfälle je 1 Million geleisteter Arbeitsstunden). Allerdings sollte man sich vor vorschnellen Schlüssen in Acht nehmen: Ob ein Arbeitsunfall passiert, liegt nicht nur in der Natur der Tätigkeit. Wie riskant die Arbeit ist, hängt auch davon ab, wie ernst es der jeweilige Betrieb mit der Prävention nimmt. Die gleiche Tätigkeit kann also in zwei Betrieben unterschiedlich riskant sein – je nachdem welchen Stellenwert die Präventionskultur im Unternehmen hat.Meldepflichtige-Arbeitsunfaelle-je-1Mio-Arbeitsstunden-2013

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2 Antworten auf Was ist der gefährlichste Beruf? Und warum gibt es ihn eigentlich nicht?

  1. Hans-Arnold Büscher sagt:

    Ich würde auf diese Frage folgendes antworten:
    Den “gefährlichsten Beruf” kann man nicht eindeutig definieren. Aber wenn man sich die Unfallstatistiken anschaut, vor allem im Bezug auf Schwere der Unfälle, dann ist der gefährlichste Ort der Straßenverkehr.

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