Paternoster_animated

Immer im Kreis – schematische Darstellung eines Paternosteraufzugs. (Quelle: RokerHRO/Wikipedia, CC-License https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/, keine Änderungen vorgenommen)

Der Paternoster – gerade noch 240 Exemplare dieses Oldtimers der Aufzugtechnik soll es in Deutschland geben. Trotz der geringen Zahl: Für viele ist der Personen-Umlaufaufzug, wie ihn der Beamte nennt, ein liebgewordenes Stück Vergangenheit. Entsprechend groß war der Aufruhr, als es vor einigen Wochen hieß, die Nutzung sollte in Zukunft auf geschultes Personal beschränkt werden. Alle anderen sollten draußen bleiben. Zwar hat die Bundesregierung inzwischen angekündigt, dass die entsprechende Regelung der Betriebssicherheitsverordnung nun doch wieder geändert werden soll – Warnschilder sollen in Zukunft ausreichen. Es lohnt sich aber, einen Aspekt der Geschichte noch einmal genauer zu betrachten: das Thema Unfallrisiken.

Eines der Argumente, das Paternoster-Fans vorbrachten, war, dass mit dem Aufzug nur wenige Unfälle verbunden seien. Die Nutzung einzuschränken, sei unverhältnismäßig, denn auch andere Fortbewegungsarten gingen mit Gefahren einher. Eine Autorin der Schleswig-Holsteinischen Zeitung schrieb sogar, Treppensteigen sei gefährlicher als mit dem Paternoster zu fahren. Sie stellte dazu folgenden Vergleich an: Alleine 2013 starben in Deutschland 1.171 Menschen an den Folgen eines Treppensturzes. Im Paternoster gab es in den Jahren 1977 bis 1986 drei tödliche Unfälle in damals 500 Anlagen. Ihr Fazit: “Treppen sind viel gefährlicher als Paternoster”.

Das wirft die Frage auf: Ist ein solcher Vergleich zulässig? Können absolute Unfallzahlen uns bei der Risikoeinschätzung tatsächlich weiter bringen, zum Beispiel wenn wir unterschiedliche Fortbewegungsarten vergleichen?

Die Antwort ist: Nein, so einfach ist es nicht. (Und das hängt nicht nur damit zusammen, dass man aktuelle Unfallzahlen nicht mit dreißig bis vierzig Jahre alten Statistiken vergleichen sollte.)

Zunächst muss man sich sicher sein, dass man auch geeignete Gegenstände vergleicht. Während man davon ausgehen darf, dass die noch vorhandenen Paternoster sich nicht allzu sehr voneinander unterscheiden, gilt das für die Treppen im Lande mit Sicherheit nicht. Treppen können kurz oder lang, schmal oder breit sein, in Treppenhäusern oder im Freien liegen, sind gut oder schlecht ausgeleuchtet, finden sich in historischen Gebäuden mit abgenutzten Stufen oder in Neubauten mit normierter Stufenbreite. Während der Begriff „Treppe“ also in Wahrheit für eine sehr große Vielfalt an Orten steht, handelt es sich beim Paternoster um eine Einrichtung, die sich in ihrer Ausgestaltung von Gebäude zu Gebäude nicht sehr stark unterscheiden wird.

Das ist aber nicht alles: Um ein Risiko – oder anders ausgedrückt “die Wahrscheinlichkeit für den Eintritt eines bestimmten (unerwünschten) Ereignisses” – einschätzen zu können, benötigt man neben der bereits bekannten Zahl der Beobachtungen (Todesfälle) auch eine geeignete Bezugsgröße. Um zwei Risiken vergleichbar zu machen, ist bei beiden dieselbe Bezugsgröße erforderlich. Dies kann zum Beispiel eine Zeitspanne oder eine Anzahl bestimmter Handlungsvorgänge sein. Nun wird zwar wirklich vieles statistisch erfasst, die Zahl der Treppenbenutzungsvorgänge jedoch nicht. Auch eine Paternosterfahrtenzählung ist nicht bekannt. Nicht zuletzt könnte sich auch die Zahl der zurückgelegten Stockwerke erheblich unterscheiden. Das macht einen Vergleich schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Ein genauerer Blick in die Todesursachenstatistik nährt ebenfalls Zweifel an pauschalen Vergleichen. Dort erfährt man, dass die überwiegende Zahl der Opfer tödlicher Treppenstürze ältere Menschen sind, die zu Hause stürzten. Hierfür kommen eine ganze Reihe von Ursachen in Betracht, die mit Treppen per se nicht unbedingt zu tun haben: Sie reichen vom persönlichen Gesundheitszustand der Betroffenen (zum Beispiel geringere körperliche Fitness oder Erkrankungen), ihrem regelmäßigen Aufenthaltsort (ältere Menschen halten sich häufiger daheim auf) bis zu den baulichen Gegebenheiten in privaten Wohngebäuden (hier gelten andere Vorschriften als zum Beispiel am Arbeitsplatz). Zumindest bei einigen dieser Einflüsse können wir davon ausgehen, dass sie für den Paternoster nicht gelten. Für unseren Vergleich bedeutet das: Wir laufen Gefahr, dass externe Faktoren unseren Vergleich beeinflussen, die das Ergebnis verzerren. (Nebenbei bemerkt: In den für eine Gegenüberstellung in Frage kommenden Gebäudetypen Schulen und sonstige öffentliche Gebäude sowie Gewerbe- und Dienstleistungseinrichtungen kamen 2013 15 Personen durch Stürze von Treppen zu Tode.)

Das Fazit: Das Unfallrisiko mit Hilfe absoluter Unfallzahlen einzuschätzen, führt nicht zu belastbaren Ergebnissen. Sinnvoller ist, sich die Risiken für die jeweilige Tätigkeit oder Fortbewegungsart anzuschauen, zu prüfen, ob sichere Alternativen in Frage kommen oder technische Möglichkeiten zur Unfallverhütung bestehen. Dabei sollte die Umgebung im Ergebnis so fehlertolerant wie möglich gestaltet werden. Denn eines ist sicher: Ob im Paternoster oder auf der Treppe – Menschen machen Fehler, aber Fehler dürfen nicht zu schweren Unfällen führen.

Autoren: Wolfram Schwabbacher, DGUV-Statistik, und Stefan Boltz, DGUV-Pressestelle

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3 Antworten auf Was der Paternoster uns über Unfallrisiken lehren kann

  1. Stefan Boltz Stefan Boltz sagt:

    Vielen Dank für den Hinweis zur Entstehungsgeschichte des Namens. Das war mir so nicht bewusst.

  2. Hundhammer sagt:

    Herrlich – was für ein wunderbares Stück Technikgeschichte. Nächste Woche werde ich gleich mal mit dem mir einzigen noch funktionierenden Paternoster (‘unserem Vater’) fahren. Und was für ein wunderbarer Beitrag angewandter Statistik bzw. warum Äpfel nicht mit Birnen verglichen werden können. Besten Dank! vG Hundhammer

    • A. Bieder sagt:

      Hallo!

      “Unser Vater” ist nicht ganz korrekt – “Paternoster” ist abgeleitet vom “Vaterunser”-Gebet, Paternoster heißen so, weil die Kabinen ähnlich wie bei einem Rosenkranz (“Paternoster”) die kleineren (“Ave Maria”) und größeren (“Paternoster” bzw. “Vaterunser”) Gebetsperlen angeordnet sind.

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