Der Gesundheits- und Krankenpfleger, die Ärztin, der Altenpfleger – für Menschen in vielen Berufen gehört Schichtarbeit selbstverständlich zu ihrem Arbeitsalltag.. Aber aus dieser Art des Arbeitens können Konflikte entstehen, denn Schichtarbeit zehrt auf die Dauer an den körperlichen und seelischen Kräften: Stehen Work-Life-Balance und Gesundheit der Beschäftigten unvereinbar betrieblichen Anforderungen gegenüber?

Ja und nein: Zum einen lassen sich Auswirkungen wechselnder Arbeitszeiten auf die Betroffenen kaum vermeiden. Zum anderen kann sehr wohl mithilfe arbeitswissenschaftlicher Empfehlungen an einigen Stellschrauben gedreht werden.

In der Pflege gehört Schichtabreit zum Arbeitsalltag dazu. (Bild: UKB)

In der Pflege gehört Schichtabreit zum Arbeitsalltag dazu. (Bild: UKB)

Schichtarbeit ist ein Arbeitsschutzthema

Unternehmerinnen und Unternehmer sind gesetzlich verpflichtet, die Arbeitszeit ihrer Beschäftigten im Nacht- und Schichtdienst „nach den gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen über die menschengerechte Gestaltung der Arbeit“ festzulegen. Gleichzeitig gehört die Frage der Arbeitszeiten zum Themenkatalog der Gefährdungsbeurteilung, verlangt das Arbeitsschutzgesetz.

Was können Unternehmen in Sachen Arbeitszeiten und Schichtarbeit konkret tun? Um Gefährdungen durch Schicht- und Nachtarbeit zu minimieren, sollten technische, organisatorische und personenbezogene Maßnahmen ineinander greifen. Der Schwerpunkt liegt hier allerdings auf der organisatorischen Ebene, insbesondere bei der Schichtplanung. Dazu hier einige Empfehlungen aus den Arbeitswissenschaften :

Nachtdienste:

  • Keine dauerhaften Nachtarbeitsplätze schaffen.
  • Maximal drei Nachtdienste hintereinander planen.
  • Personen über 50 Jahre nur in Ausnahmefällen im Nachtdienst einsetzen (verlängerte Regenerationszeiten!).

Schichtwechsel:

  • Vorwärts und schnell rotierende Schichtsysteme wählen: zum Beispiel zweimal hintereinander früh, zweimal spät, zweimal Nacht, zwei Tage frei.
  • Schichtpläne zur besseren Planbarkeit für die Beschäftigten frühzeitig aufstellen und möglichst nicht kurzfristig ändern.

Schichtzeiten:

  • Frühdienste sollten möglichst spät beginnen (nicht vor 6 Uhr, besser noch später).
  • Spätdienste sollten möglichst früh enden (möglichst bis 22 Uhr, an Wochenenden noch früher).
  • Nachtdienste sollten möglichst früh enden (bis 6 Uhr).
  • Ideal sind flexible Anfangszeiten.

Erholungszeiten:

  • Für mindestens elf Stunden Ruhezeit zwischen zwei Schichten sorgen.
  • Nach einer Nachtdienstphase mindestens zwei freie Tage einrichten.
  • Mindestens einen freien Abend unter der Woche und einen freien Tag am Wochenende einplanen.
  • Besser ganze freie Wochenenden statt einzelner freier Tage ermöglichen.
  • Einzelne Arbeitstage zwischen freien Tagen vermeiden.

Tätigkeitsverteilung:

  • Körperlich schwere oder fehlerkritische Aufgaben möglichst tagsüber erledigen (lassen).
  • Nachts insbesondere zwischen 2 und 4 Uhr keine aufmerksamkeitsintensiven Tätigkeiten ausführen (lassen).

Erfolgsrezept: Beschäftigte einbinden

Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW), berät vor allem Unternehmen aus der Gesundheitsbranche. Ihnen raten wir, die Beschäftigten und ihre Wünsche bei der Dienstplangestaltung einzubeziehen. Dies steigert die Motivation und Zufriedenheit. Für die Einrichtungen geht es darüber hinaus um die Qualität der Arbeit und die Bindung des Personals.

Schichtarbeit wird unterschiedlich gut verkraftet. Neben medizinischen und psychologischen Aspekten spielt dabei immer auch die persönliche soziale Situation eine Rolle. Vielleicht gibt es in der Belegschaft hinsichtlich des Dienstplans unterschiedliche Bedürfnisse, die sich gut ergänzen?

Den allgemeingültig idealen Schichtplan gibt es nicht. Es zahlt sich aber aus, kooperativ herauszufinden, welcher Plan im Einzelfall die Belange der Einrichtung und der dort Tätigen am besten in Einklang bringt. Damit das gelingt, braucht es die richtige Unternehmenskultur: Arbeitsorganisation, Führungsstil, Zusammenarbeit im Team sowie der Umgang mit Themen wie Work-Life-Balance, psychisches Wohlbefinden und Demografie sollten ineinandergreifen. Wo die Gesundheit der Beschäftigten wichtig genommen und eine Präventionskultur gelebt wird, zehren Nachtdienste und Wechselschichten deutlich weniger an den Kräften der Betroffenen.

Auf dem Laufenden bleiben: mit der BGW MedienApp

Schichtarbeit ist auch Titelthema der BGW mitteilungen 1/2017. Das Magazin berichtet vierteljährlich über aktuelle Arbeitsschutzthemen, Standards und Erkenntnisse. Wer stets die neue Ausgabe lesen möchte, kann hierfür seit neuestem die BGW MedienApp nutzen. Sie bringt neben den BGW mitteilungen auch die Young Magazines, vier fachspezifische Hefte für Azubis, auf Tablets und Smartphones. Die App ist über Google Play oder den iTunes App-Store erhältlich. Mehr Infos unter https://www.bgw-online.de/medienapp

Matthias Wilhelm, Experte für das Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement bei der BGW. (Bild: BGW/Priv.)

Matthias Wilhelm, Experte für das Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement bei der BGW. (Bild: BGW/Priv.)

 

Wir danken Matthias Wilhelm von der BGW für diesen Gastbeitrag. Wilhelm ist Experte für das Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement und arbeitet an der Entwicklung und Qualitätssicherung von Beratungsangeboten in diesem Themenfeld.

 

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3 Antworten auf Schichtarbeit: Gut planen, gesünder arbeiten

  1. Sehr geehrter Herr Basten,

    die Arbeitswissenschaften kommen zu der Erkenntnis, dass auch, wenn subjektiv der Eindruck besteht, dass der Körper sich an die Nachtarbeit anpasst, eine echte Anpassung der Körperfunktionen an die Nachtarbeit nicht stattfindet.

    …”Obwohl viele Schichtarbeiter, die in einem Arbeitszeitrhythmus mit fünf oder mehr hintereinander liegenden Nachtschichten arbeiten, subjektiv den Eindruck haben, dass ihr Körper sich an die Nachtarbeit angepasst hat, findet eine echte Anpassung der Körperfunktionen an die Nachtarbeit nicht statt. Aus diesem Grund sollten die Nachtschichtblöcke möglichst kurz sein, so dass eine Anpassung vom Körper gar nicht erst eingeleitet wird. Hinzu kommt, dass durch kurze Nachtschichtphasen die Ansammlung eines Schlafdefizits vermieden wird. Was “Dauernachtarbeitssysteme” betrifft, so besteht auch hier vielfach bei den Beschäftigten der Eindruck, dass sie sich ganz gut an die Nachtarbeit angepasst haben. Trotzdem gilt auch für diese Arbeitszeitform, dass eine Anpassung letztlich nur stattfindet, wenn es keinerlei Bezug zur normalen Tageszeit gibt. Jeder freie Tag hebt die Teilanpassung wieder auf…”

    siehe etwa: https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Praxis/A23.html
    in Kurzform: http://www.ergonassist.de/Publikationen/GesundheitsgerechteGestaltungSchichtdienstBArbBl0120061.pdf

    Gibt es wissenschaftliche Studien, die diese Erkenntnisse anzweifeln lassen?

    • Thomas Basten sagt:

      Sehr geehrter Herr Wilhelm,
      die WHO hat die Wechselschicht, also das Dreischicht-System, als Krankmachend und Lebenszeitverkürzend eingestuft. Außerdem wurde für diese Arbeitsform nachgewiesen,daß sie die Tumorenstehung fördert.
      Wie schon gesagt: Nachtarbeit ist natürlich immer ungesund. Und es ist auch richtig, das sich der Körper nicht an die Nachtarbeit anpassen kann. Aber noch wesentlich belastender ist der ständige Wechsel zwischen Früh,- Spät-und Nachtdienst. Daran kann sich der Körper in keinster Weise anpassen.
      …Hinzu kommt, dass durch kurze Nachtschichtphasen die Ansammlung eines Schlafdefizits vermieden wird… Das wage ich, mit 25 Jahren Wechselschicht auf dem Buckel, zu bezweifeln. Das bedeutet nämlich auch, das ich z.b. nach 2 Nachtdiensten und einem Freien Tag wieder in den Tagdienst wechseln muß.Und das ist schon extrem belastend.

  2. Thomas Basten sagt:

    Dem Vorschlag, keine dauerhaften Nachtarbeitsplätze einzurichten kann ich so nicht zustimmen. Natürlich ist Nachtarbeit extrem ungesund und belastend. Die Steigerung davon stellt allerdings die Wechselschicht dar. Hier hat der Körper noch weitaus größer Schwierigkeiten, sich umzustellen. Aus diesem Grund ist Dauernachtarbeit zwar keine gute Lösung, aber immer noch besser als Wechselschicht.
    Viele Grüße,
    Thomas Basten
    MAV-Vorsitz Hospiz St. Martin Koblenz

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