Worin unterscheidet sich der Knochen eines Kindes von dem eines Erwachsenen? Er wächst noch!

Teil 2: Fraktur – wenn die Wachstumsfuge Sorgen macht

Insbesondere die an den jeweiligen Knochenenden befindlichen Wachstumsfugen (Epiphysenfuge genannt) spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Diese sind für das Längenwachstum des Knochens verantwortlich. Erst wenn die vollständige Länge erreicht ist, verschließt sich die Fuge. Dieses geschieht im Schnitt ca. ab dem neunzehnten Lebensjahr.

Grundsätzlich besteht bei einem kindlichen Knochenbruch das Risiko einer Wachstumsstörung. Die äußere Gewalteinwirkung kann zu einer Reaktion der Wachstumsfuge führen und somit das Längenwachstum entscheidend verändern. Hier kann es sowohl zu einem verzögerten als auch zu einem zu schnellen Wachstum kommen. Der Knochen kann infolgedessen sowohl länger als auch kürzer werden als auf der gegenüber liegenden Seite. Es kommt zu „schiefen“ Gliedmaßen und ggf. hiermit verbundenen Funktionseinschränkungen. Um dieser speziellen Gefahr entgegenzuwirken sind im Vergleich zu einem Erwachsenen besondere Behandlungsmaßnahmen angezeigt. Das medizinische Fachgebiet hierfür ist die Kindertraumatologie.

Das noch andauernde Wachstum stellt bei einem Knochenbruch jedoch auch einen Vorteil dar, da es ein relativ hohes Maß an Selbstheilung beinhaltet. Fehlstellungen durch seitlich zueinander verschobene oder gegeneinander gedrehte Knochenteile werden durch das fortschreitende Wachstum komplett selbständig ausgeglichen, ohne dass eine operative Korrektur nötig ist. Es „verwächst“ sich. Hier reicht oftmals eine einfache Gipsruhigstellung aus, um ein optimales Heilungsergebnis, also einen geraden Knochen, zu erzielen.

Bei komplexeren Brüchen ist jedoch ein operativer Eingriff leider unumgänglich. Hier müssen die Knochenfragmente durch Drähte, Nägel oder ähnliche Materialien wieder anatomisch korrekt gestellt werden, um ein bestmögliches Ergebnis zu erreichen. Aber auch dabei lauern Gefahren. Denn erfolgt keine kindgerechte Versorgung, kann unter Umständen dem Knochen mehr Schaden zugefügt werden, als dass es ihm nutzt. Auch hier sind dann Wachstumsstörungen leider nicht auszuschließen. In diesen Fällen ist es Aufgabe der Feuerwehr-Unfallkasse, das Heilverfahren zu überwachen und ggf. zu steuern.

© benjaminnolte - Fotolia.com

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Wie sieht das in der Praxis aus?

Am 02.03.2013 war der zehnjährige Sven (Name von der Redaktion geändert) mit seinen Kameraden im Rahmen des Jugendfeuerwehrdienstes damit beschäftigt, Strauchwerk für das bevorstehende Osterfeuer aufzuschichten. Ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit und er geriet ins Straucheln und knickte mit dem linken Fuß um. Eine Schwellung und eine schmerzhafte Bewegungseinschränkung des gesamten Fußes waren die Folge.

Ca. anderthalb Stunden nach dem Ereignis wurde Sven bereits im Krankenhaus untersucht. Der Arzt stellte einen komplexen Bruch des Sprunggelenkes fest. Unglücklicherweise war hierbei auch eine Epiphysiolyse, also eine Schädigung der Wachstumsfuge, am Schienbein aufgetreten. Es drohte somit eine Wachstumsstörung des gesamten Unterschenkels.

Sven landete noch am selben Tag auf dem OP-Tisch. Die Knochenbruchstücke wurden gerichtet und mittels einer Metallplatte am Wadenbein und zwei Drähten am Schienbein fixiert.

Aber war dies die optimale Versorgung? Sind Wachstumsstörungen und/oder bleibende Fehlstellungen zu befürchten?

Um diese Fragen klären zu können, bedarf es eines reichen Erfahrungsschatzes auf dem Gebiet der Kindertraumatologie. Die Feuerwehr-Unfallkasse arbeitet daher in solchen Fällen eng mit dem Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover zusammen. Die hier tätigen Ärztinnen und Ärzte, die sich ausschließlich um schwer verletzte Kinder kümmern und daher über die nötigen Erfahrungswerte und die gesamte Bandbreite der Therapiemöglichkeiten verfügen, sind die Spezialisten in diesem Bereich.

Um den verletzten Kindern jedoch nicht unnötig den unter Umständen weiten Weg nach Hannover zuzumuten, wurde die Möglichkeit der sog. „Vorsichtung“ im Rahmen der dortigen Kinder-Reha-Sprechstunde entwickelt. Dies bedeutet konkret, dass wir die notwendigen Unterlagen (Entlassungsbericht, OP-Bericht, Röntgenaufnahmen) von den behandelnden Ärzten anfordern und diese an das Kinderkrankenhaus auf der Bult weiterleiten. Eine erfahrene Kindertraumatologin sichtet diese und beurteilt anhand der Unterlagen die vorgenommene Versorgung.

Im Falle von Sven ergab diese Vorsichtung, dass nicht ganz eindeutig war, ob der verletzte Außenknöchel nach der erfolgten OP korrekt steht und ob es evtl. auch zu Verletzungen von Bandstrukturen gekommen war, die zunächst unentdeckt blieben. Es wurde empfohlen, dies durch eine Computertomographie abzuklären.

Aufgrund dieser Empfehlung nahmen wir Kontakt mit den behandelnden Ärzten auf und baten darum, die empfohlene Untersuchung zu veranlassen. Der Befund brachte schließlich Erleichterung. Eine Fehlstellung war nicht festzustellen und auch Bandverletzungen konnten zum Glück ausgeschlossen werden.

Nach der Entfernung der eingebrachten Materialien im September 2013 konnte die Behandlung erfolgreich abgeschlossen werden. Svens Verletzung war vollständig ohne jegliche Funktionseinschränkungen ausgeheilt.

Da bei solch schwerwiegenden Verletzungen der noch wachsenden Knochen jedoch auch langfristig auftretende Wachstumsstörungen leider nicht ausgeschlossen werden können, werden jährliche Kontrollen des betroffenen Beines empfohlen, um bei Veränderungen ggf. zeitnah reagieren zu können. Diese Untersuchungen, die möglicherweise bis zum vollständigen Abschluss des Wachstums erforderlich sein können, werden von uns überwacht bzw. jeweils veranlasst.

Gut zu wissen, dass jemand da ist!

Wenn Kinder von schweren Unfallfolgen betroffen sind, sind vor allem Eltern damit häufig über ihre körperlichen und seelischen Kräfte hinaus gefordert. Hier ist das Reha-Management unentbehrlich, um die objektiv besten Maßnahmen zu ergreifen. Aufgabe der Reha-Manager ist neben der Steuerung und Überwachung des Heilverfahrens auch, alle Behandlungs- und Fördermöglichkeiten zu erkennen und so früh wie möglich zu nutzen. Neben der individuellen Hilfe bei der medizinischen Rehabilitation beraten die Reha-Manager auch in Fragen der schulischen oder beruflichen und sozialen Belange der Betroffenen und ihrer Familie. Selbstverständlich finden bei dieser Zusammenarbeit mit Kindern und Familien und den Netzwerkpartnern viele persönliche Gespräche statt, die erforderlich sind, um „auf Augenhöhe“ in guter Zusammenarbeit agieren zu können. Nicht selten ist auch menschlicher Beistand nötig.

Lesen Sie auch Teil 1: Mit dem Kunst-Arm leben lernen

Swenja BrachDies ist ein Gastbeitrag von Swenja Brach, Reha-Managerin bei der Feuerwehr-Unfallkasse (FUK) Niedersachsen.

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Eine Antwort auf Reha-Management bei Kindern und Jugendlichen (Teil 2)

  1. Anna sagt:

    Vielen dank für die Informationen. Ich hoffe das nicht viele Kinder von Unfällen betroffen sind.

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