Zwei Männer sind so sehr in das Smartphone-Spiel “Pokémon Go” vertieft, dass sie viele Meter tief von einer Klippe stürzen. Autofahrer kommen von der Straße ab. Fußgänger laufen auf der Jagd nach Pokémon direkt vor Autos. Das sind Nachrichten aus den USA, aber inzwischen ist das Spiel auch in Deutschland angekommen.

"Don't GO and drive" steht auf dieser Smarphone-Grafik - Der Hype um das Smarphone-Spiel Pokémon Go macht noch einmal deutlich: Wer während des Fahrens Spiele auf dem Handy spielt, gefährdet sich und andere. (Bild: Fotolia)

“Don’t GO and drive” – Der Hype um das Smarphone-Spiel Pokémon Go macht noch einmal deutlich: Wer während des Fahrens Spiele auf dem Handy spielt, gefährdet sich und andere. (Bild: Fotolia)

Nach Ansicht von Fachleuten der gesetzlichen Unfallversicherung bietet der derzeitige Hype um Pokémon Go  eine gute Gelegenheit, das Thema Aufmerksamkeit im Straßenverkehr anzusprechen. Gerade im Gespräch mit Jüngeren empfehlen Experten aber, nicht das Smartphone zum Anlass zu nehmen, sondern zunächst über Multitasking und die Bedeutung für die eigene Sicherheit zu sprechen. Wer verstehe, dass Ablenkung im Straßenverkehr tödlich enden kann, sei eher geneigt, das eigene Verhalten zu überdenken. Dies betreffe im Übrigen nicht nur Spiele, sondern auch andere Tätigkeiten wie das Schreiben von Nachrichten oder Musikhören. Auch wenn genaue Statistiken fehlen, deuten Unfallberichte der Polizei immer wieder darauf hin, dass die Unfallopfer sich im entscheidenden Moment nicht auf die Verkehrssituation konzentriert hatten. Sie waren mit ihren Augen und ihren Gedanken woanders. Der Anreiz, sich auf der Straße durch Handyanwendungen ablenken zu lassen, könnte durch Spiele wachsen, die virtuelle und reale Welt verbinden. „Das Thema anzusprechen, ist sinnvoll“, sagt Dr. Hiltraut Paridon. Die Psychologin am Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG) beschäftigt sich in ihrer Forschungsarbeit mit Multitasking. Immer wieder kommt sie dabei zu dem Ergebnis, dass Menschen, die Aufgaben gleichzeitig erledigen wollen, mehr Fehler machen. Sie plädiert daher dafür, das Thema Ablenkung im Schulunterricht und bei betrieblichen Sicherheitsschulungen anzusprechen.

Bei dem Smartphone-Spiel Pokémon Go geht es darum, kleine Monster wie dieses zu fangen. Sie erscheinen in der realen Umgebung der Spieler und Spielerinnen. (Bild: Fotolia)

Bei dem Smartphone-Spiel Pokémon Go geht es darum, kleine Monster wie dieses zu fangen. Sie erscheinen in der realen Umgebung der Spieler und Spielerinnen. (Symbolbild, ein echtes Pokémon sieht anders aus, Quelle: Fotolia)

„Bei Jugendlichen würde ich den Einstieg aber nicht über die Handynutzung wählen. Das Thema sorgt ohnehin in vielen Familien und Schulklassen für Streit. Da ist es besser, allgemein über Aufmerksamkeit zu sprechen und darüber, wie wenig wir wahrnehmen, wenn  unsere Konzentration abgelenkt wird.“ Eine Möglichkeit, dies deutlich zu machen, seien verschiedene Übungen zum Multitasking, zum Beispiel das gleichzeitige Ausführen von Bewegungs- und Denkaufgaben. „Sehr eindrücklich können auch Filme sein. Eine Reihe von kurzen Videos ist unter dem Stichwort ‚Aufmerksamkeit‘ in Videoportalen im Internet zu finden.“ Wem klar werde, wie sehr er Informationen ausblende, sobald er sich nur auf eine Sache konzentriere, der könne besser nachvollziehen, warum geteilte Aufmerksamkeit im Straßenverkehr gefährlich sei. „So ein Gespräch kostet mehr Zeit, aber die Investition lohnt sich. Smartphones üben einen starken Reiz auf ihre Nutzer aus. Dem muss man auch Aufklärung über die Risiken der Ablenkung entgegensetzen.“

Verschlagwortet mit: , , ,

4 Antworten auf Pokémon Go: Anlass, über Aufmerksamkeit im Verkehr zu sprechen

  1. Florian Klaede sagt:

    Die Bildunterschrift “Bei dem Smartphone-Spiel Pokémon Go geht es darum, kleine Monster wie dieses zu fangen.” ist kontraproduktiv.

    Bei dem abgebildeten Monsterchen handelt es sich weder um ein Pokémon, noch sieht es dem Design der Pokémon auch nur halbwegs ähnlich. Wer eine Zielgruppe erreichen will, sollte hierbei wenigstens den Anschein erwecken, sich mit dem Thema auszukennen.
    Der Verfasser des Artikels hätte sich das Spiel vielleicht einmal anschauen sollen.

    Mir ist klar, dass es sich hierbei nur um ein Symbolbild handelt. Gerade bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich für das Spiel interessieren, erweckt so etwas dennoch den Eindruck der “Belehrung durch Ahnungslose”.
    Ich weiß auch, dass die Bilder der Pokémon urheberrechtlich geschützt sind und nicht einfach verwendet werden dürfen.
    Dann wäre es aber besser, ein solches Symbolbild gänzlich wegzulassen.

    Die Gamer-Community reagiert auf sowas ausgesprochen empfindlich.

    • Stefan Boltz Stefan Boltz sagt:

      Hallo Herr Klaede,
      mit der Kritik an der Bildunterzeile haben Sie Recht. Das ändern wir. Wie Sie richtig erkannt haben, ist das Urheberrecht der Grund, warum wir kein “echtes” Pokémon verwendet haben. Was das Thema Belehrung betrifft: Unsere Absicht mit diesem Text ist aufzuklären über die Unfallrisiken, die sich durch Ablenkung ergeben, und Wege aufzuzeigen, wie man darüber sprechen kann, ohne zu “belehren”.
      Viele Grüße
      Stefan Boltz

  2. Hermann Bach sagt:

    Wichtig finde ich – die auch im Beitrag anklingende – positive Haltung zu den Menschen, bei denen Nachdenken und ggf. auch Verhaltensänderung hervorgerufen werden soll. Dagegen sind eine belehrende Haltung, Verbote oder “Miesmachen” nicht geeignet, um die Herzen zu erreichen. Es hat keinen Sinn, sich zum Spielverderber oder zur Spielverderberin zu machen – die Leute machen eh, was sie wollen und werden sich nur durch positive Einsicht vom Spielen in potenziell gefährlichen Situationen abhalten lassen.

    • Stefan Boltz Stefan Boltz sagt:

      Sehe ich auch so. Zumal: Mitunter ertappe ich mich auch selbst dabei, dass ich aufs Handy in Situationen schaue, wo es eigentlich in der Tasche bleiben sollte. Pokémon ist ja nur eine von vielen Möglichkeiten, sich ablenken zu lassen.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*