Gute fünf Jahre ist es jetzt her, dass ich in Vancouver in der “Mixed Zone”, dem Treffpunkt von Athleten und Journalisten, stand und auf Verena Bentele wartete. Gerade hatte die blinde Biathletin wieder eine Goldmedaille gewonnen. Ich überlegte, welche Fragen ich nach dem fünften Sieg noch stellen kann, damit der Artikel nicht genauso klingt wie die vier vorangegangen.

Manchmal sind fünf Jahre eine lange Zeit, doch wenn ich an die Tage in Kanada zurückdenke, dann sehe ich mich wieder mit dem Diktiergerät bewaffnet zwischen Athleten und Trainern, zwischen Bus und Bergen, zwischen Vancouver City und dem etwa 90 Minuten entfernten Austragungsort Whistler pendeln.

Wenn ich heute auf die Paralympics Zeitung zu sprechen komme, fragen mich Leute ungläubig: “Wie, ihr seid tatsächlich in Vancouver gewesen?” “Und eure Artikel wurden gedruckt?”. Ja, sage ich dann schmunzelnd, wir waren vor Ort in Vancouver haben neben ARD und Co die Athleten interviewt, anschließend schnell einen Ort mit funktionierendem Wi-Fi gesucht, in die Tasten gehauen und die aktuellsten Artikelversionen an unsere Redaktion geschickt. Die saß in einer Schule im Zentrum Vancouvers und hat manchmal nötige, manchmal für uns junge Autoren schmerzhafte Änderungen vorgenommen und ein paar Tage später hielten wir unsere gedruckten Artikel in der Hand. In Deutschland wurden sie als Beilage von ZEIT, Tagesspiegel und Handelsblatt verteilt – was für ein Einstieg in die Branche!

Das deutsch-kanadische Redaktionsteam der Paralympics Zeitung für die Winter-Paralympics 2010 in Vancouver schauen begeistert in die Kamera und halten Kopien der gedruckten Paralympics Zeitung hoch.

Das deutsch-kanadische Redaktionsteam bei den Winter-Paralympics 2010 in Vancouver. Bild: Tagesspiegel

“Learning – by – Doing”, diese abgedroschene Floskel, ist die beste Beschreibung für die Tage in Kanada. Neugierde und Ehrgeiz haben uns junge Schülerjournalisten mit nur geringer Vorerfahrung zu niveauvoller Arbeit angetrieben. Ich weiß noch, dass ich manchmal abgewogen habe, was  mir mehr Energie gibt: ein großer Kaffee oder eine Stunde mehr Schlaf. Denn um pünktlich am Shuttlebus zu den “Venues”, den Austragungsorten zu sein, musste ich spätestens um 5:30 Uhr aufstehen. Im Bett war ich oft erst um 24.00 Uhr. Noch dazu kam der Jetlag, Schlaf war in diesen Tagen Mangelware. Trotzdem kann ich mich nicht erinnern, dass ich in den zwei Wochen wirklich müde war:  Adrenalin, Aufregung und neue Eindrücke können eine Menge bewirken.

Gemeinsam mit einer anderen Schülerredakteurin des Teams war ich für die Berichterstattung der Biathleten eingeteilt. Vorab hatte ich schon an ein Porträt zu Verena Bentele verfasst. Ich war gespannt die Medaillenfavoritin nun persönlich zu treffen. Nach dem Sieg ihrer ersten Goldmedaille war das auch kein Problem, die Stimmung war super, ein toller Auftakt für die Spiele. Aber was fragt man nach dem zweiten, dritten, vierten, fünften Sieg? Fünf Goldmedaillen – unglaublich. Schon bevor Sie in die Mixed Zone kam, hieß es, es wird schwierig Fragen zu stellen. Frau Bentele muss jetzt schnell in die Umkleide, zum Dopingtest und neben uns steht die ARD, da wird wohl kaum Zeit übrig bleiben. Die Standardfragen a  la:  “Wie lief das Training vorher?”, “Gab es kritische Momente unterwegs?” hatten wir schon in den vier vorangegangenen Interviews abgearbeitet. Was also tun, damit der Artikel nicht nur eine Faktenaufzählung wird? Spontan fragte ich sie, ob sie denn einen Glücksbringer gehabt hätte. Aus heutiger Sicht, eine total naive Frage, aber es fiel aus dem Raster und hat uns ein paar Gesprächsminuten gebracht.

Es gibt viele kleine und große Momente, die ich nicht vergessen habe. Zum Beispiel, als Andrea Eskau, eigentlich Winterathletin im Handbiken, eine Silbermedaille im Skilanglauf erstritt. Ein Überraschungssieg, mit dem niemand gerechnet hatte, sie selbst am allerwenigsten. Als Sie dann in der Mixed Zone ankam, wurde ich in ihre euphorischen Umarmungen eingeschlossen. Bei so viel Freude kommt auch mal die journalistische Neutralität ins Wanken. Menschen zu treffen, die über ihre Grenzen hinausgehen, die täglich vor oder nach einem regulären Job trainieren, um dann bei den Spielen alles zu geben – diesen “Spirit” mitzuerleben, ist etwas Besonderes.

Natürlich sind mir auch die Eröffnungsfeier und die Abschlusszeremonie lebhaft in Erinnerung geblieben. Solche Veranstaltungen sind in ihren Dimensionen einfach etwas ganz Besonderes. Dennoch war ein Großteil der Pressetribüne während der Eröffnungsfeier leer und die anwesenden Journalisten schauten gelangweilt auf ihr Pressematerial. Wird man so, wenn man alle vier Jahre von den Spielen berichten kann? Ich hoffe nicht. Unser Enthusiasmus nahm jedenfalls auch in den zwei Wochen in Vancouver nicht ab. Während der Open-Air stattfindenden Abschlussfeier regnete es die ganze Zeit. In eklig klebenden Plastikcapes haben wir dennoch bis zur letzten Minute ausgeharrt. Diese offiziellen Momente werden in meiner Erinnerung aber überlagert  von den täglichen, kleinen Glücksmomenten: Als ich gerade noch zur rechten Zeit den Shuttlebus fand, als wir drei Minuten vor Abgabe noch auf “Senden” drückten, die Erleichterung in den Tiefen meiner Tasche noch Batterienachschub für das Diktiergerät zu finden, Kinder mit Nationalfahnen auf dem Weg ins Station oder all die freiwilligen Helfer, die mit unerschütterlicher Freundlichkeit den reibungslosen Ablauf garantierten.

Die zwei Wochen in Vancouver waren fordernd und anstrengend. Missen möchte ich sie nicht. Böte mir noch einmal jemand eine Akkreditierung: Ich würde sofort zugreifen.

Anne BalzerDies ist ein Gastbeitrag von Anne Balzer. Anne war 2010 Nachwuchsjournalistin der Paralympics Zeitung und hat mit dem Redaktionsteam von den paralympischen Spielen in Vancouver berichtet.  

 

 

 

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