Wer die Risiken der Zukunft abschätzen kann, kann bereits heute etwas dagegen unternehmen. Vor diesem Hintergrund haben Berufsgenossenschaften und Unfallkassen ein Risikoobservatorium bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) eingerichtet. Wir sprachen mit dem Leiter des Instituts für Arbeitsschutz der DGUV, Prof. Dietmar Reinert, darüber, wie das Observatorium aufgebaut ist und welche Erkenntnisse sich bereits abzeichnen.

Prof. Dr. Dietmar Reinert, Leiter des Instituts fuer Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA)

Prof. Dr. Dietmar Reinert, Leiter des Instituts fuer Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA)

Herr Professor Reinert, Sie sind also der Mann, der an der Abschaffung der Unfallversicherung arbeitet.

Wieso?

Sie arbeiten am neuen Risikoobservatorium der gesetzlichen Unfallversicherung. Das Observatorium soll Risiken identifizieren, die in Zukunft am Arbeitsplatz und in der Schule auftreten können. Und wer alle Risiken kennt, braucht keine Versicherung mehr.

Das wäre schön! Vollständig unfallfreie und gesundheitsförderliche Arbeitsplätze sind ein erstrebenswertes Ziel, dem man sich aber nur annähern kann. Erreichen wird man es vermutlich nie ganz. Die Vision Zero als Strategie der gesetzlichen Unfallversicherung spricht daher im ersten Schritt von einer Vermeidung der tödlichen und schweren Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten.

Warum also ein Risikoobservatorium? Gehen die Unfälle nicht auch so zurück?

Das ist aber kein Naturgesetz. Und es ist auch nicht so, dass zum Beispiel die Automatisierung von immer mehr Tätigkeiten zu einer unfallfreien Gesellschaft führt. Wenn wir uns neuen Themen nicht widmen, ist davon auszugehen, dass Unfälle und Erkrankungen wieder zunehmen.

Wie genau gehen Sie bei der Identifizierung neuer Risiken vor?

Das Risikoobservatorium besteht aus zwei Elementen, der Trendsuche und der Risikobeobachtungsstelle. Wenn unsere Präventionsexperten in der Literatur oder durch Kontakte auf neue Themen stoßen, melden sie diese an die Trendsuche, die eine erste Bewertung vornimmt. Über die dringendsten Themen und wie sie kurzfristig konkret angegangen werden können, entscheidet dann ein übergeordnetes Gremien der DGUV. So kann sich die Unfallversicherung im Vorfeld schon Gedanken über Gefährdungen machen, die vielleicht erst in fünf bis zehn Jahren im Betrieb und in den Schulen ankommen. Wir warten also nicht ab, bis etwas passiert, was keiner will.

Haben Sie dafür Beispiele?

Nehmen Sie 3-D-Druckverfahren. Mit einem entsprechenden Drucker kann man schon heute kleine Objekte – Bauteile, aber auch Zahnprothesen – ausdrucken. Das Besondere ist: Das geschieht jetzt nicht mehr unbedingt in einer Fertigungshalle, wo mit Absaugung und Lärmminderung gearbeitet wird, sondern durchaus in einem Büro. Und jetzt ist die Frage, ob es da zu bestimmten Belastungen kommen kann – immerhin wird hier mit Metall und Kunststoffen gearbeitet. Das muss man sich ansehen.

Ein anderes Beispiel ist die Inklusion in Grundschulen. Immer mehr Grundschulen öffnen sich für Kinder im Rollstuhl, sind aber baulich nicht dafür ausgestattet. Da stellen sich dann entsprechende Fragen, zum Beispiel: Gibt es dadurch vielleicht erhöhte Unfallgefahren zum Beispiel im Sportunterricht?

Das ist die Trendsuche. Wie funktioniert die Risikobeobachtungsstelle?

Die Risikobeobachtungsstelle ist als Befragung aufgesetzt, die in drei Gruppen durchgeführt wird: Produktion, Dienstleistung, öffentlicher Dienst. Befragt werden die Aufsichtspersonen der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen.

Warum die Aufsichtspersonen?

Weil die vor Ort sind. Die Aufsichtspersonen gehen in die Betriebe und beraten sie. Wenn einer weiß, was den Betrieben unter den Nägeln brennt, dann sind es diese Fachleute.

Diese Globaltrends beeinflussen die Arbeitswelt der Zukunft

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Was fragen Sie?

Wir wollen eine Bewertung haben, welche Trends und Entwicklungen für die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten in den nächsten fünf Jahren besonders wichtig sind. Die Aufsichtspersonen bewerten die Trends auf einer Skala von 1 bis 7. Dann bilden wir über alle Befragten einer Berufsgenossenschaft oder einer

Unfallkasse hinweg einen Mittelwert, der uns eine Einschätzung erlaubt, welche Trends für diesen Unfallversicherungsträger und seine Branchen eine besondere Rolle spielen. Für die drei wichtigsten Trends machen wir dann noch mal eine ausführliche Analyse der vielen Freitextkommentare, die wir von Aufsichtspersonen bekommen. Diese betreffen konkrete Risiken, die mit den Trends verbunden sind, und auch Vorschläge für Präventionsmaßnahmen. Die Ergebnisse werden durch eine Literaturrecherche ergänzt und in einem Workshop mit den Trägern besprochen. Wir prüfen dann noch mal gegen: Ist das wirklich so, dass das neue Themen sind? Die fertigen Berichte können dann in die Präventionsarbeit der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen einfließen. Derzeit sind wir in der Diskussionsphase. Ich gehe davon aus, dass erste Veröffentlichungen Anfang 2016 möglich sind.

Können Sie schon etwas zu den Ergebnissen sagen?

Wenn man sich die Antworten ansieht, ist eine Sache ganz interessant: Alle sagen, dass uns die Globalisierung besonders beschäftigen wird. Unter dieser Überschrift haben wir verschiedene Trends gruppiert wie Arbeitsverdichtung, Verantwortungsausweitung aufgrund von Personaleinsparungen, Vernetzung und Erreichbarkeit durch Informationstechnologie – auch im mobilen Einsatz. Über alle Branchen und Träger hinweg gehören diese Trends zu den TOP 10.

Die Unfallkassen unterstützen auch die Schulen bei der Gestaltung sicherer und gesunder Lernbedingungen. Gibt es hierzu auch Ergebnisse?

Ja, das Thema Schule kommt im Befragungscluster „öffentlicher Dienst“ stark vor. Besonders häufig wurde hier beispielsweise der Lärm genannt. Damit ist nicht gehörschädigender Lärm gemeint, sondern die Hintergrundbelastung durch Lärm. Lärm mindert die Konzentration und verhindert oder verschlechtert damit das Lernen. Hier hatten die Aufsichtspersonen auch schon konkrete Vorschläge für die Prävention: Diese reichen von Informationen zu nicht-baulichen Lärmminderungsmaßnahmen für Schulen und Kitas, Einkaufshilfen für lärmmindernde Raumausstattung, Kurzinfos für Lärmminderung im Freizeitbereich bis zum konsequenten Einsatz von Lärmampeln und zu verbindlichen Grenzwerten für die Raumakustik in Schulen.

Wie gehen Sie mit diesen Ergebnissen um?

Wir haben damit erstmals eine systematisch abgesicherte Aussage darüber, welche Themen in Zukunft für alle Träger gleichermaßen wichtig werden. Das ist für die Forschung der DGUV von erheblichem Interesse, denn wir können daran die Forschungsförderung und die Arbeit der Forschungsinstitute ausrichten. Bei konkreten Maßnahmen ist vieles vorstellbar: Zum Beispiel beim demografischen Wandel, dass wir die Gefährdungsbeurteilung zukünftig altersspezifisch durchführen oder dass wir die Ausbildung zum Demografielotsen in die Ausbildung der Fachkräfte für Arbeitssicherheit integrieren.

Wirft eine solche Vorgehensweise nicht aber auch die Frage auf, ob man möglicherweise aufs falsche Pferd setzt?

Natürlich, daher die vielen Gegenchecks. Nicht nur mit den Berufsgenossenschaften und Unfallkassen, sondern in einem nächsten Schritt dann auch mit den Fachkräften in den Betrieben und mit der Industrie. Darüber hinaus muss man in vielen Fällen nicht erst darauf warten, ob etwas passiert, weil erste Fragen jetzt schon auftauchen. Ein Beispiel: Wir haben vermehrt Arbeitsplätze mit mobiler IT. Manches Auto ist heute ja schon ein fahrendes Büro. Da stellt sich dann die Frage: Ist das alles ergonomisch? Wenn man ein paar Minuten mit dem Tablet neben dem Steuer arbeitet, ist das vielleicht kein Problem. Aber wenn man das zwanzig Jahre macht, kann es Rückenbeschwerden geben. Außerdem zeigen Crashversuche, dass mobile IT bei einem Unfall zum Geschoss werden kann. Oder nehmen Sie kollaborierende Roboter. Wir haben untersucht, welche Gefahren bei der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine entstehen. Damit konnten wir konkrete Hinweise geben, wie man die Geräte gleich so gestaltet, dass es nicht zu Unfällen kommen kann – und das, bevor die neue Technologie ihren Weg in die Unternehmen fand.

Gehen Sie davon aus, dass dieses Wissen auch Wettbewerbsvorteile für deutsche Unternehmen erzeugt?

Das gibt es heute schon. Es gibt viele Bereiche, wo deutsche Unternehmen führend sind – auch weil sie den Sicherheitsaspekt so stark im Blick haben. Wir haben auch als Unfallversicherung solche Entwicklungen schon früher aufgegriffen. Nur waren das eher Zufallsfunde. Mit Risikobeobachtung und Trendsuche systematisieren wir dieses Vorgehen.

Ist das Risikoobservatorium auf Dauer angelegt?

Ja. Die Trendsuche ist eine dauerhafte Einrichtung der DGUV. Und die Befragungen im Rahmen der Risikobeobachtungsstelle wollen wir alle fünf Jahre wiederholen. Damit haben wir dann eine ständige Aktualisierung.

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Eine Antwort auf “Nicht abwarten bis etwas passiert”

  1. Koch sagt:

    Ich finde die Einrichtung eines Risikoobservatorium sehr sinnvoll.
    Denn nur derjenige, der Gefahren erkennt bevor Sie sich auswirken, wird dauerhaft erfolgreich sein.
    Diese Gefahrenerkennung sollte systematisch durchführt und in Prozesse eingebunden werden.

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