“Die Lust zu reisen habe ich auch nach meinem Unfall nie verloren”, schreibt Dimitrios Tsiropoulos (41). Vor 20 Jahren hatte er während seiner Ausbildung zum Hotelfachmann einen schweren Wegeunfall. Seitdem sitzt er im Rollstuhl und ist auf eine 24-Stunden-Assistenz angewiesen. Die Berufsgenossenschaft für Gastgewerbe und Nahrungsmittel (BGN) betreut ihn seit seinem Unfall bis heute und hilft ihm, wann immer er sie braucht. Letzten Sommer reiste er nach Brasilien zur Fußball-WM. Er erzählt von dieser Reise, weil er zeigen möchte, dass Reisen im Rollstuhl auf eigene Faust möglich ist.

Der querschittgelähmte Dimitrios Tsiropoulos trägt ein Brasilien-Triko und hält einen Fußball von der WM 2014.

“Nur, wer sich seinen Grenzen stellt, kann seinen Horizont erweitern.” So beschloss Dimitrios Tsiropoulos, zur WM 2014 in Brasilien zu fahren. Foto: BGN

Regelmäßig packe ich meinen Rollstuhl ins Auto und fahre kreuz und quer durch Europa. Ich habe einen Reiseblog gestartet, weil ich anderen Rollifahrern zeigen will: Reisen geht. Jeder kann die Welt erkunden. Trotzdem komme ich immer wieder an meine Grenzen. Ich wäre auch nicht einfach so auf die Idee gekommen, nach Brasilien zu reisen. Der lange Flug, die klimatische Umstellung, die Infrastruktur, die nicht so gut ist wie in Deutschland: Das alles sind Herausforderungen für einen Querschnittgelähmten, die man schwer einschätzen kann.

Es war mein Helfer Upiara, der mich ermutigte, sein Heimatland Brasilien zu besuchen. “Also gut”, sagte ich mir, “nur, wer sich seinen Grenzen stellt, kann seinen Horizont erweitern.” So beschlossen wir, zur WM zu fahren. Unsere Wahl fiel auf Fortaleza: Hier konnte ich die günstigsten Flugtickets ergattern sowie Karten für zwei Spiele der K.-o.- Runde.

Den 10-Stunden-Flug habe ich auf meinem Sitzkissen gut überstanden. Die Vermieterin unserer Unterkunft holte uns mit ihrem zweitürigen Kleinwagen ab. Mit etwas Improvisationsgeschick passten tatsächlich das ganze Gepäck, der Rollstuhl und alle Mitreisenden ins Auto. Und los ging es ins barrierefreie Apartment. Upiara hatte sich vorher genau erkundigt, wie breit die Türen sind usw. So hatte ich meinen Rollstuhl von 64 auf 59 Zentimeter Breite umbauen lassen, weil die Badtür 60 Zentimeter breit sein sollte. Zusätzlich wurde der Rollstuhl zum Multifunktionsstuhl umgebaut, der auch toiletten- und duschfähig war. Das ist auf Reisen total hilfreich. Am Ende war der Rollstuhl immer noch einen halben Zentimeter zu breit. Also hieß es: Rad ab, ins Bad rein, Rad wieder dran. Solange man Ideen und Helfer hat, geht auch das.

In heißen, überfüllten Bussen zum Stadion und zurück

Beim ersten WM-Spiel, dem Achtelfinale Niederlande gegen Mexiko, wollte ich ein Taxi statt dem Bus nehmen. Damit es leicht und schnell geht. Das ging komplett in die Hose. Das Taxi kam nicht zum Stadion durch, obwohl wir Rollstuhltickets vorzeigten. Stattdessen brachte der Fahrer mich und meinen Helfer zum Flughafen, von wo aus große, alte Shuttle-Busse fuhren.

Es war bereits drückend heiß. Zum Glück hatten die Busse eine elektrische Rampe für Rollstuhlfahrer. Upiara war bei diesem Spiel nicht dabei und so fehlte der Übersetzer. Nach zwanzig Minuten hielten wir an einer Haltestelle und man machte uns mit ein paar Zeichen klar, dass wir hier in einen anderen Bus umsteigen müssten. Das klappte und ging zum Glück recht schnell. Dennoch hatte das Spiel bereits angefangen, als wir im Stadion ankamen. Reinkommen ging dann unkompliziert. Zum Glück saßen wir auf der Schattenseite und meine Sprühflasche zum Abkühlen war Gold wert.

Auf dem Rückweg gab es eine lange Rollstuhlfahrerschlange an der Bushaltestelle. Die Busse fuhren im Zehn-Minuten-Takt und jeder Bus nahm nur einen Rollstuhlfahrer mit. Die Hitze war unerträglich. Ich fuhr mich runter und konzentrierte mich nur noch aufs Atmen. In dem überfüllten Bus musste man sich festhalten, doch mein Helfer konnte mir nicht helfen. Ich spürte, wie ich an meine Grenzen kam. Aber wenn ich am Ende feststelle, dass ich in solchen Momenten meine Grenzen ein Stück verschieben kann, ist das ein gutes Gefühl. Im Nachhinein war dann alles gar nicht so schlimm.

Wertvolle Erfahrungen

In Fortaleza traf ich viele Rollstuhlfahrer. Einer erzählte mir, er sei extra wegen der guten Infrastruktur und der ärztlichen Versorgung in die Stadt gezogen. Ein anderer betrieb einen Bauchladen an der Strandpromenade und hatte immer viele Freunde um sich, die ihm halfen. Weil die staatliche Versorgung nicht so gut ist, muss man sich hier eben anders organisieren. Diese Erfahrungen bringen mich unglaublich weiter. Ich überlege dann, wie ich sie auf mein eigenes Leben übertragen kann.

Zum Abschluss der Brasilienreise legten wir noch einen Road-Trip nach Recife und zurück hin. Ich mietete ein Auto und war Beifahrer, da der Wagen natürlich nicht für meine Bedürfnisse umgebaut war. Wir waren wieder sehr spontan. Ich hatte mir eine Handykarte für Brasilien gekauft. Damit konnten wir während der Fahrt nach Angeboten barrierefreier Hotels und Unterkünfte gucken.

In Recife traf ich brasilianische Freunde, die in Heidelberg studiert haben und jetzt wieder in Brasilien leben. Recife lag für uns alle auf halber Strecke. Wir fuhren 1.000 Kilometer nach Süden, sie 1.000 Kilometer nach Norden.

… und superschöne Erlebnisse

Auf dem Rückweg nach Fortaleza machten wir spontan einen Abstecher in ein kleines Dorf direkt am Strand. Dazu ging es 16 Kilometer über eine Schlaglochpiste. In einem einfachen Restaurant kamen wir mit Leuten ins Gespräch und einer lud uns gleich ein, bei ihm zu übernachten. Ein guter Freund von ihm sitze im Rollstuhl, weshalb seine Wohnung rollstuhlgerecht gestaltet sei. Er hatte auch einen Strandbuggy. Damit fuhren wir an eine Stelle, von der aus wir den Sonnenuntergang sahen. Dank Upiara konnten wir uns den ganzen Abend unterhalten. Es war ein superschönes Erlebnis und noch einmal ein richtiges spontanes Highlight zum Ende der Reise.

Ob ich wieder im Rollstuhl nach Brasilien reisen würde? Auf jeden Fall. Ich überlege tatsächlich schon, wie ich eine weitere Tour realisieren kann. Ich würde gerne den Amazonas durchqueren. Mit meinen jetzigen Erfahrungen würde ich im Vorfeld mehr planen. Aber nur so viel, dass noch genug Raum für Abenteuer und Überraschungen bleibt.

Dieser Gastbeitrag von Dimitrios Tsiropoulos erschien ursprünglich in “Akzente” 1/2015, das Magazin für Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Rehabilitation der BGN.

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