Im Nachhinein betrachtet war die Unebenheit der Pflastersteine nicht besonders prominent, nur ein kleiner Höhenunterschied. Aber ich habe ihn übersehen an jenem Abend. Es dämmerte, ich war müde, trug eine schwere Einkaufstasche und wollte noch die grüne Ampel erwischen. Es hat nicht geklappt. Der Sturz war nicht dramatisch, sogar die Milchtüte ist heil geblieben, nur zwei Finger meiner rechten Hand schmerzten ziemlich  und fühlten sich merkwürdig an.

Stolpern und Stürzen zählt zu den häufigsten Ursachen für Arbeits- und Wegeunfälle. Ein historisches Plakat der DGUV zeigt einen klassischen Sturzunfall über einen Eimer der im Weg steht. (Bild: DGUV)

Stolpern und Stürzen zählt zu den häufigsten Ursachen für Arbeits- und Wegeunfälle. Manchmal reichen schon kleine Hindernisse oder Unebenheiten, um ins Straucheln zu geraten. (Bild: Historisches Plakat, DGUV)

Ich war auf dem Weg vom Büro nach Hause, hatte aber gerade noch etwas eingekauft. War das noch ein Wegeunfall im Sinne der gesetzlichen Unfallversicherung? Ich war noch nicht lange genug Mitarbeiterin der DGUV, um ad hoc die richtige Antwort geben zu können. Zum Glück war die Praxis meines Hausarztes nicht weit. Der schaute sich die Hand an und fragte: „Wie ist das passiert?“ Ich erzählte von meinem Abstecher in die Lebensmittelabteilung, aber er meinte: „Wenn Sie nur kurz etwas besorgt haben und danach wieder auf Ihrem normalen Heimweg waren, dann sollten Sie jetzt lieber gleich zu einem Durchgangsarzt gehen.“ Meinem Gesicht war wohl anzusehen, dass ich von der Vorstellung, weiter geschickt zu werden, nicht begeistert war. „Ist wirklich besser, Sie gehen zu einem Unfallarzt“, überredete mich mein Hausarzt: „und der nächste Kollege ist auch keine zehn Minuten entfernt.“

Mein Hausarzt hat Recht behalten, es war ein Wegeunfall. Wäre es mir schlechter gegangen, hätte er natürlich ebenso die Erstversorgung übernehmen können. Ich hätte mich dann später einem D-Arzt oder einer D-Ärztin vorgestellt. Ihre Aufgabe ist es dann zu entscheiden, ob die Weiterbehandlung beim Hausarzt durchgeführt wird oder eine besondere Heilbehandlung nötig erscheint. Sie entscheiden aufgrund ihrer speziellen Fachausbildung. Darüber hinaus müssen D-Ärzte und Ärztinnen aber auch erhöhte Anforderungen an Praxisausstattung und Fortbildung erfüllen.

Aber warum ist der Gang zu einem D-Arzt oder einer D-Ärztin überhaupt notwendig?

Die gesetzliche Unfallversicherung verfügt über ein eigenes mehrstufiges Heilverfahren. Im Fall eines Arbeits- oder Wegeunfalls kommt sie für alle Kosten des Behandlungs- und Rehaverfahrens auf und zahlt, bei bleibenden Schäden, eine Rente. Die Steuerung des Heilverfahrens über D-Ärzte und eigene Unfall- und Rehakliniken soll dazu beitragen, die Behandlung der Versicherten zu optimieren. Denn das Ziel ist, die Betroffenen möglichst rasch wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren.

Physikalische- oder Ergo-Therapie sind wichtig, um nach einer Verletzung der Hand wieder eine volle Bewegungsfähigkeit zu erlangen. (Foto: BGRCI, Bertram)

Physikalische- oder Ergo-Therapie sind wichtig, um nach einer Verletzung der Hand wieder eine volle Bewegungsfähigkeit zu erlangen. (Foto: BGRCI, Bertram)

Ich habe den Umweg zu einem D-Arzt an jenem Abend nicht bereut. Die beiden Finger waren gebrochen. Der Unfallchirurg hat sich die Brüche angesehen und mich einige Tage später zur Begutachtung in die nächste BG-Unfallklinik geschickt. Es war zum Glück nur eine kleine Operation notwendig – mit einem sehr positiven Ergebnis: Es blieben keinerlei Bewegungseinschränkungen zurück. Daran hatte auch die Ergo-Therapie ihren Anteil, die sich an den Krankenhausaufenthalt anschloss. Alle Kosten für Heilbehandlung und Reha-Maßnahme übernahm die für mich zuständige Berufsgenossenschaft.

Und wie finde ich einen D-Arzt oder eine D-Ärztin in meiner Nähe? Zum Beispiel über die Suchfunktion auf der Homepage der DGUV. Bundesweit gibt es ca. 3.800 niedergelassene sowie an Krankenhäusern und Kliniken tätige D-Ärztinnen und Ärzte. Da ist immer einer oder eine in der Nähe.

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4 Antworten auf Lieber gleich zum D-Arzt

  1. Gibbs64 sagt:

    Sehr interessanter Beitrag. Habe mich damit noch nie auseinander gesetzt. Werde bei meinem nächsten Besuch beim Hausarzt erkundigen um ich einen D – Arzt in der Nähe habe. Mein Hausarzt hat sich auf die Allgemeinmedizin spezialisiert und er schickt mich relativ oft weiter um die Meinung der anderen Ärzte auch zu kennen.

  2. Karolina sagt:

    Ich bin auch eher dafür, dass man gleich zum Facharzt geht, aber das muss ja natürlich jeder ganz für sich selbst wissen und entscheiden.

    • Elke Biesel Elke Biesel sagt:

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ein Besuch beim D-Arzt ist aber nicht zu verwechseln mit dem Besuch bei einem anderen Facharzt. Die Versorgung von Verletzungen nach einem Arbeits-oder Wegeunfall ist gesetzlich geregelt. Die Behandlung bezahlt nicht die Krankenkasse sondern die Unfallversicherung:
      Jeder Mediziner darf Unfallverletzte nach Arbeitsunfällen/Wegeunfällen behandeln, aber er muss die Patienten einem Durchgangsarzt vorstellen, wenn folgende Umstände vorliegen:
      – die Unfallverletzung führt über den Unfalltag hinaus zur Arbeitsunfähigkeit
      – die notwendige ärztliche Behandlung dauert voraussichtlich über eine Woche
      – es ist abzusehen, dass Heil- und Hilfsmittel zu verordnen sind
      – es handelt sich um eine Wiedererkrankung aufgrund von Unfallfolgen
      Mehr Infos dazu gibt es auch auf der folgenden Seite: http://www.dguv.de/landesverbaende/de/med_reha/Erstversorgung-ärztliche-Behandlung/index.jsp

  3. Rebecca Maschke Rebecca Maschke sagt:

    Ich hatte auch einen Wegeunfall letztes Jahr im Juli: Bin mit dem Fahrradreifen in die Straßenbahnschienen geraten und samt Fahrrad auf dem linken Knie gelandet. Zum Glück nur mäßig schmerzhaft und die D-Arzt-Praxis lag noch auf dem weiteren Arbeitsweg; Ich erinnerte mich noch an das Schild in der Praxis meines Orthopäden worauf stand, dass ein D-Arzt sich dort befindet, also kannte ich den Weg. Glücklicherweise habe ich seit dem Unfall auch keine Probleme mit dem Knie. Ich finde es allerdings gut, die Erfahrung mit dem D-Arzt gemacht zu haben.

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