Wie werden eigentlich Menschen mit Behinderung in den Medien dargestellt? Und was hat das möglicherweise für einen Einfluss darauf, wie wir als Gesellschaft über Menschen mit Behinderung denken? Diese Fragen haben wir zusammen mit Lilian Masuhr von Leidmedien.de, einem Online-Ratgeber über Sprache und Behinderung, in einem Workshop diskutiert.

“Trotz Behinderung – Junger Mann mit Down-Syndrom führt eigenes Restaurant”- Überschriften wie diese lesen wir jeden Tag in der Zeitung. Dass in dieser Überschrift ein weit verbreitetes Klischee steckt, fällt leider nur den wenigsten von uns auf. Lilian Masuhr fasst dieses Klischee mit dem amerikanischen Begriff “Superkrüppel” treffend zusammen: Menschen mit Behinderung als Helden, die ihre Behinderung tapfer “überwinden”. Dass diese Menschen ihr Leben nicht trotz ihrer Behinderung meistern, sondern eher mit ihr, wird dabei leider sehr oft von uns allen übersehen.

"Er ist am Rollstuhl gefesselt": Ein Mann sitzt wortwörtlich mit Seil gefesselt im Rollstuhl, in Klammen steht "gelesen in einer Wochenzeitung".

© SOZIALHELDEN e.V.

Sprache als Schlüssel zur Veränderung – das ist der rote Faden, der sich durch den gesamten Workshop zieht. Als Frau Masuhr ein paar gute Alternativen zu den Begriffen vorstellt, die wie das oben genannte Beispiel, bestimmte Klischees über Menschen mit Behinderung bedienen, entsteht sofort eine lebhafte Diskussion. Es geht um das Wort “Pflegefall”: es reduziert die Betroffenen auf Ihre Pflegebedürftigkeit und sie werden nicht mehr als Menschen, sondern vor allem als zu behandelnde “Fälle” dargestellt. Als Alternative bietet Frau Masuhr den Begriff „Menschen mit Assistenzbedarf“ an. Hier steht der Mensch im Mittelpunkt und der Assistenzbedarf ist nur eine Facette unter vielen, die sie als Menschen ausmacht.

Die Diskussion dreht sich vor allem um die Frage, ob der als Alternative vorgeschlagene Begriff nicht einfach nur ein Euphemismus ist, der die Situation vieler Betroffener nicht wirklichkeitsgetreu abbildet. Und überhaupt, wo fängt eigentlich Pflegebedürftigkeit an und wo hört Assistenz auf?  Für mich ist diese Diskussion exemplarisch dafür, wie schwer es uns an manchen Stellen immer noch fällt, mit dem Thema Behinderung umzugehen. Denn natürlich gibt es kein Patentrezept für die richtige Wahl der Begrifflichkeiten. Und das was Frau Masuhr uns vorstellt sind, wie sie mehrfach betont, auch “nur” Empfehlungen, die Leidmedien zusammen mit Betroffenen entwickelt hat.

Denn letztendlich kommt es, wie bei so vielen Dingen, immer auf den Kontext an. Das spiegelt sich auch in dem Leidmedien-Workshop wieder: Im Grunde geht es nicht um einzelne Wörter, sondern vor allem um ein sehr einseitiges Bild, das die Medien von Menschen mit Behinderungen zeichnen. Und dieses Bild beeinflusst zumindest indirekt, wie wir als Gesellschaft über diese Menschen denken und sprechen.

Seitdem ich bei der DGUV arbeite, wurde ich vor allem durch unseren DGUV Aktionsplan zur UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) und unsere verschiedenen Informations- und Kommunikationsangebote für das Thema sensibilisiert, beispielsweise Broschüren in Leichter Sprache (den Aktionsplan der DGUV gibt es übrigens auch in leichter Sprache) oder den Kinofilm GOLD. Der Workshop hat mir persönlich viele Denkanstöße dafür gegeben, das Thema aus neuen Perspektiven zu beleuchten und auch meine alltäglichen Sprachwendungen immer wieder zu hinterfragen. Denn eins ist mir durch den Workshop noch klarer geworden: Sprache kann mit Sicherheit nicht über Nacht unsere Gesellschaft komplett verändern, aber zumindest kann sie – ganz im Sinne der UN-BRK- Bewusstsein für das Thema Inklusion schaffen.

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Eine Antwort auf Leidmedien: ein Workshop zum Nachdenken

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