Noch immer kommen Hilfsmittel - zum Beispiel Lifter - in der Pflege zu selten zum Einsatz.

Noch immer kommen Hilfsmittel – zum Beispiel Lifter – in der Pflege zu selten zum Einsatz.

Für unsere Rückenkampagne bin ich immer wieder auf der Suche nach Erfahrungen aus der Praxis. Interessant finde ich zum Beispiel, welche Belastungen Beschäftigte in der Pflege aushalten müssen. 100 Kilo bewegen – eine Belastung, bei der die meisten Menschen vermutlich dankend ablehnen würden – gehört für viele Beschäftigte in der Pflege zum Alltag. Doch das müsste nicht sein, wie mir Stefan Kuhn von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) erzählt hat. Das komplette Interview mit Herrn Kuhn hier zum Lesen:

Herr Kuhn, das richtige Maß an Belastung hält den Rücken gesund – das ist die zentrale Botschaft der Kampagne „Denk an mich. Dein Rücken“. Der Arbeitsalltag in der Pflege und anderswo scheint für viele Beschäftigte allerdings weit davon entfernt zu sein. Woran liegt das?

Bis heute überwiegt nach den Erfahrungen der BGW im betrieblichen Pflegealltag der manuelle Transfer. Das heißt: Viele Beschäftigte bewegen die Patientinnen und Patienten tatsächlich durch eigenen Körpereinsatz. Allein, der Blick auf die eigene heimische Waage verrät jedem, dass Menschen eine schwere Last darstellen.

Was sind die Nachteile des manuellen Transfers?

Es können zum Beispiel Überlastungen der Lendenwirbelsäule auftreten. Das kann bei der pflegenden Person zu Beschwerden, Verletzungen oder einer Berufskrankheit führen. Und das ist auch für den Pflegebedürftigen nicht ganz ungefährlich, wenn die Pflegerin ihn wegen eines plötzlichen Schmerzes fallen lässt. Hinzu kommen die Abnutzungserscheinungen an der Wirbelsäule. Bei 50-jährigen Frauen wird immerhin eine Druckkraft von 250 Kilo (bei Männern 320 Kilo) problemlos toleriert. Das hört sich erst mal nach viel an. Das biomechanische Problem ist, dass diese Druckkraft schon beim Anheben eines Gewichts von 10 Kilo (bei Männern 15 Kilo) erreicht wird. Aus Präventionsgründen sollte diese Gewichtsgrenze daher auch bei jüngeren Pflegekräften nicht überschritten werden.

Aber gibt es inzwischen nicht viele Hilfsmittel, die diese Belastungen verringern sollten?

Ja, diese werden aber aus verschiedenen Gründen nicht durchgängig genutzt: Da ist die vermeintlich größere Zuwendung für den Pflegebedürftigen, wenn man ihn selbst bewegt und nicht mit einem Hilfsmittel – so als ob man Hinwendung nur beim Anheben ausdrücken könnte. Dann wird häufig argumentiert, dass die Zeit fehlt, um den Lifter zu holen, und dass man sowieso lieber unabhängig von technischen Hilfsmitteln arbeitet. Manche Pflegekräfte überschätzen auch einfach ihre eigene Leistungsfähigkeit. Nicht zuletzt: Einige wissen auch gar nicht, welche Hilfsmittel es am Markt gibt.

Und das Kostenargument?

Das gibt es auch. Man greift sich da mitunter aber wirklich an den Kopf. Da wird argumentiert, einen Lifter anzuschaffen sei zu teuer – aber dass ein Mitarbeiter immer wieder über längere Zeit ausfällt und Lohnfortzahlung erhält, das kann der Betrieb sich leisten? Schon allein ein Blick auf die Ausfallzeiten müsste eigentlich klar machen, dass oft falsche Kostenargumente angeführt werden. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des Mangels an Pflegekräften ist jeder Euro für die Prävention gut investiert. 

Gibt es vielleicht auch therapeutische Aspekte? Je nach den noch vorhandenen Kräften können die Pflegebedürftigen bei der Bewegung ihres Körpers durchaus mithelfen, manchmal sieht die Therapie das sogar vor. Welches Spannungsverhältnis entsteht hier aus den Anforderungen der Therapie und des Arbeitsschutzes?

Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten gehen vor Therapie. Darüber hinaus muss man aber auch sagen: Die Bedürfnisse der beiden Gruppen – Beschäftigte und Pflegebedürftige – werden viel zu selten zusammen gedacht. Würde man das häufiger tun, käme man schnell darauf, dass der Einsatz von Hilfsmitteln durchaus für beide positiv sein kann. Die kleinen Hilfsmittel können dabei helfen, die Patienten zu mobilisieren und die Pflegekräfte zu entlasten.

Was meinen Sie damit?

Beim Stichwort „Hilfsmittel“ denken die meisten gleich an „Technische Hilfsmittel“, wie Deckenschienensysteme, Lifter, Positionswechselhilfen, etc. Diese sollten aber immer nur dann eingesetzt werden, wenn der Patient selbst nicht mehr genug Kraft hat, um bei der Bewegung mitzuhelfen. Wenn er jedoch noch Ressourcen hat, sind sogenannte Kleine Hilfsmittel wie Anti-Rutsch-Matte, Gleitmatte, Rutschbrett, Mobilitätsgurt und so weiter ideal, um die Bewegung des Patienten zu unterstützen.

Die Funktionsweise der Kleinen Hilfsmittel ist verblüffend einfach. In welchen Situationen im Pflegealltag wirken sie besonders entlastend?

Sie machen sich die Physik zunutze: Eine Anti-Rutsch-Matte erhöht die Reibung und verhindert so das Wegrutschen der Füße bei angestellten Beinen. Eine Gleitmatte verringert die Reibung. Sie wird unter den Rumpf oder den Bereich der höchsten Gewichtskraft gelegt und reduziert das zu bewegende Gewicht um bis zu 90 Prozent. Mit dem Rutschbrett wird eine Brücke gebaut, damit der Patient beim Transfer Bett-Rollstuhl ohne Anheben in kleinen Schritten bewegt werden kann. Und mit dem Halte- oder Mobilisationsgurt bringen wir den „Griff“ an den Patienten oder an die Pflegekraft, damit die Hände von Pflegekraft und Patient einen sicheren Halt finden.

Diese Kleinen Hilfen sind äußerst effektiv für Pflegekraft und Patient. Leider sind sie weitgehend unbekannt oder werden nicht ausreichend in den Pflegealltag einbezogen.

Wenn sie aber doch verwendet werden, welche Vorteile hat das dann für den Patienten?

Der wesentliche Vorteil von Kleinen Hilfsmitteln ist, dass die so ausgeführten Bewegungen und Transfers auch für den Patienten sicherer und sogar auch angenehmer werden. Die Beschäftigten können so in allen Einsatzbereichen die Ressourcen des Patienten nutzen und damit beispielsweise auch Kontrakturen vermeiden. Zudem werden durch die Verringerung der Reibung bei der Gleitmatte und dem Rutschbrett die Scherkräfte reduziert. Das beugt dem Dekubitus vor.

Die Devise heißt also: vom „Heben und Tragen“ zum „gemeinsamen Bewegen von Patient und Pflegekraft“. Wer dies berücksichtigt, kann das System Pflegekraft-Patient so gestalten, dass Transfers ungefährlich und komfortabel für beide „Mitspieler“ sind. Der Einsatz von Kleinen Hilfsmitteln hilft somit, die Pflegequalität zu verbessern und die Sicherheit und Gesundheit der Pflegekräfte bei Transfers zu fördern. Kostengünstig sind diese Hilfsmittel obendrein.

Aus Ihrer Erfahrung: Was sind weitere typische Fehler bei der Prävention von Rückenbelastungen?

Ich würde hier gern etwas grundsätzlicher werden. In der Pflege wird das TOP-Prinzip der Prävention – also technische Maßnahmen zur Verhütung von Gefahren vor arbeitsorganisatorischen Maßnahmen vor personenbezogenen Maßnahmen – zu oft auf den Kopf gestellt. Im Pflegealltag wird quasi POT daraus, und die Beschäftigten haben dadurch Nachteile.

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Heben und Tragen ist dafür ein gutes Beispiel: Wenn der Pflegebedürftige von einer Person bewegt werden kann, macht das die Pflegekraft in der Regel selbst. Wenn das nicht geht, ruft man schnell noch eine Kollegin oder einen Kollegen hinzu – das wäre dann das O, weil es die Organisation der Arbeit betrifft. Und erst wenn man es auch zu zweit nicht packt, dann kommt das T für die Technik, also der Lifter, zum Einsatz. Bei der Bewegung von Gegenständen würde kein Mensch darauf kommen.

Nun sind Pflegebedürfte aber keine Gegenstände.

Vollkommen richtig. Aber für die Schwerkraft macht das keinen Unterschied. 100 Kilo sind 100 Kilo – damit sollte man vorsichtig umgehen, egal in welchem Kontext. Wir müssen den Umgang mit Hilfsmitteln in der Pflege entkrampfen. Häufig kann man mit Hilfsmitteln nämlich sogar eine Brücke schlagen zwischen dem therapeutischen Bedürfnis, die Mobilität des Patienten so gut wie möglich zu erhalten, und dem Bedürfnis der Beschäftigten, einen gesunden Rücken zu behalten. Letztlich wäre so beiden etwas Gutes getan.

Zur Person:

Stefan Kuhn, ist Diplomingenieur und als Präventionsexperte bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege tätig. Sein besonderes Augenmerk liegt auf Vermeidung von Rückenbeschwerden bei Pflegekräften. Kuhn kam im Jahr 1988 zur BGW und arbeitet im Präventionsdienst der BGW in Mainz. Informationen zur Prävention in Pflegeberufen unter www.bgw-online.de.

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3 Antworten auf “Kleine Hilfen – äußerst effektiv in der Pflege”

  1. Sie erklären die Wichtigkeit von Hilfsmitteln beispielhaft und auch für den Laien aufschlussreich.
    Der Einsatz von Hilfsmitteln ist eine wichtige weil körperschonende Angelegenheit für alle Pflegefachkräfte.
    Sie ist daher genauso wertvoll für den Patienten und Hilfsbedürftigen.
    Denn nur eine gesunde Pflegekraft ohne Schmerzen kann die menschliche Zuwendung entgegenbringen, die erwartet wird.

    • Stefan Boltz Stefan Boltz sagt:

      Liebe Frau Endres,
      vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Es freut mich, dass der Beitrag Ihnen gefällt. Ihrer Meinung kann ich nur zustimmen: Zuwendung setzt voraus, dass sich die Beschäftigten wohl fühlen.

  2. Hermann Bach sagt:

    Besonders aufschlussreich – und häufig übersehen finde ich, dass “der Einsatz von Hilfsmitteln durchaus für beide positiv sein kann. Die kleinen Hilfsmittel können dabei helfen, die Patienten zu mobilisieren und die Pflegekräfte zu entlasten”
    Eine Pflege mit Hilfsmitteln ist nicht “weniger wert” und bietet auch nicht “weniger menschliche Nähe und Wärme” als der Verzicht darauf, und das wird auch von der gepflegten Person so empfunden, kann ich aus eigener familiärer Erfahrung sagen.

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