Robert Freumuth (MyHandicap)Im September ist das Aktionsbündnis “Jobs für Menschen mit Behinderung” mit Institutionen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft, darunter auch die DGUV, gestartet. Worum es dabei geht, erzählte uns Robert Freumuth, Geschäftsführer der Stiftung MyHandicap.

 

Herr Freumuth, was ist die Stiftung MyHandicap und wie Sind Sie dazu gekommen?

MyHandicap will die Lebenssituation von Menschen verbessern, die durch eine Einschränkung in ihrem Alltag maßgeblich beeinträchtigt sind. Dies geschieht durch umfassende Information und Beratung zu allen Bereichen des Lebensalltags mit dem Ziel, Betroffenen ein weitgehend selbständiges Leben zu ermöglichen. Darüber hinaus möchten wir die Inklusion von Menschen mit Behinderung durch Sensibilisierung der Gesellschaft und Wirtschaft weiter verbessern. Dabei stützen wir uns gerade auch im Bereich der Inklusion in die Arbeitswelt, auf die Ergebnisse unseres Centers for Disability and Integration an der Universität St. Gallen. Ich selbst kam Ende 2006 zunächst als Experte für Bereich Sport und zur Begleitung der Gründungsphase der deutschen Länderorganisation zu MyHandicap.

Worum geht es bei “Jobs für Menschen mit Behinderung”?

Menschen mit Behinderung haben es nach wie vor oft schwer, einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. Sie konnten in den vergangenen Jahren nicht so stark vom Aufschwung des Arbeitsmarktes profitieren. Die Kampagne “Jobs für Menschen mit Behinderung” soll einen Beitrag leisten, das zu ändern. Zusammen mit den Partnern des Aktionsbündnisses wollen wir Arbeitssuchende mit Behinderung und Unternehmen in Kontakt bringen, Informationen liefern, die richtigen Ansprechpartner aufzeigen und Mut machen, sich des Themas anzunehmen.

Wen und was wollen Sie durch die Kampagne erreichen?

Zum einen die Arbeitgeber. Unsere Erfahrung zeigt, dass viele durchaus bereit sind, Menschen mit Behinderung einzustellen. Häufig gibt es aber Berührungsängste und es fehlt an Kenntnissen und Kontakten. Wenn Arbeitgeber erst mal die Berührungsangst verloren haben, stellen sie oft fest, dass Menschen mit Behinderung hervorragende Leistungen erbringen und dass man sich ohne viel Aufwand auf die Behinderung einstellen kann. Zum anderen wollen wir natürlich auch Arbeitnehmer mit einer Behinderung erreichen. Diese sollen sehen, dass es Unternehmen gibt, die offen und willens sind, Menschen mit Behinderung aufgrund von deren Fähigkeiten und Leistung zu beschäftigen. Wir wollen daher dazu ermutigen, sich auf die eigenen Stärken und Talente zu konzentrieren und sich diese bewusst zu machen. Potentielle Bewerber können daher auf unserer Seite ein Persönlichkeitsprofil ausfüllen, das sie auf Wunsch bei künftigen Bewerbungen beilegen können. Beide Seiten finden zudem den Kontakt zu Jobbörsen, Ansprechpartnern und viele weitere Informationen etwa Bewerbungstipps, Erfolgsgeschichten uvm.

Unterwegs auf der Inklusions-Tandem-Tour durch Bayern. Bild: Aktion Mensch / Kolja Matzke

Unterwegs auf der Inklusions-Tandem-Tour durch Bayern. Bild: Aktion Mensch / Kolja Matzke

Warum ist diese Kampagne notwendig?

Es gibt mittlerweile viele Angebote und eine Vielzahl an Anlaufstation für Menschen mit Behinderung und auch Arbeitgeber. Vermutlich sogar zu viele, denn für alle Beteiligten ist es oftmals sehr unübersichtlich, an die richtige Stelle zu gelangen. Hinzu kommen immer noch Vorurteile und Berührungsängste. Aufklärung, Sensibilisierung und Information ist daher notwendig. Am besten kann anhand von konkreten Beispielen gezeigt werden, wie erfolgreich und gewinnbringend für alle Beteiligten die Inklusion von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt sein kann. Daher stand am Anfang unserer Kampagne auch eine einwöchige Artikelserie in der Bild-Zeitung. Diese zeigte an fünf Beispielen, welche Stärken Beschäftigte mit Behinderung in ein Unternehmen einbringen können.

Gibt es schon Erfolgsgeschichten?

Wir haben im Vorfeld der Kampagne mit den Partnern des Aktionsbündnisses eine Vielzahl an Erfolgsbeispielen zusammengetragen. Aus diesen wurden fünf ausgewählt, die zum Kampagnenstart in der Bild-Zeitung beispielhaft vorgestellt wurden. Es gibt aber viele mehr. Weitere Beispiele findet man etwa auf unserer Website www.myhandicap.de, auf der wir auch noch weitere der oben genannten zusammengetragenen Beispiele vorstellen werden.

Vollen Einsatz zeigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Inklusions-Tandem-Tour auf ihrem Tandemweg durch Bayern.  Bild: Aktion Mensch / Kolja Matzke

Vollen Einsatz zeigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Inklusions-Tandem-Tour auf ihrem Tandemweg durch Bayern. Bild: Aktion Mensch / Kolja Matzke

Eine Woche nach Kampagnenstart haben wir mit unserer Inklusions-Tandem-Tour den Nachweis gelungener Inklusion angetreten. Vom 21.09. bis 23.09.2015 zeigten prominente Radtour-Teilnehmer auf ihrem Tandemweg durch Bayern vollen Einsatz für eine wertestarke Gesellschaft und ein erfolgreiches Miteinander von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. So fuhr beispielsweise auch die Schirmherrin der Inklusions-Tandem-Tour mit: die erfolgreiche Paralympionikin Anna Schaffelhuber. Ebenfalls am Start waren Verena Bentele, die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Irmgard Badura, die Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, erfolgreiche Sportler wie Gerd Schönfelder, Michael Teuber oder Christiane Reppe, Armin von Butlar, Vorstand der Aktion Mensch, Vertreter der Sozialversicherungen sowie viele weitere Entscheidungsträger und Vorbilder der Gesellschaft. Tourstart war vor dem Verwaltungszentrum der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Am Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration in München überfuhren die Teilnehmer, empfangen vom Amtschef Michael Höhenberger sowie vielen anderen Gästen die Ziellinie. Auf “doppelten” Team-Rädern wurden dabei Stationen gelungener Inklusion im Arbeitsprozess angefahren und besucht. Dazu gehörten Tour-Stopps wie bei Siemens in Erlangen, Audi in Ingolstadt, dem Münchner Flughafen, einer Filiale der Deutschen Post, bei der Allianz-SE und anderen aktiven Unternehmen.

Auch die zunehmende Vergabe von Inklusionspreisen für vorbildliche Unternehmen zeigt, dass das Thema zunehmend an Bedeutung gewinnt. Und das nicht überwiegend aus sozialen, sondern aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen. Menschen mit Behinderung besitzen eine Vielzahl an Talenten und Fähigkeiten, manchmal sind diese sogar aufgrund der Behinderung besonders ausgeprägt. Weder die Gesellschaft noch Unternehmen könne es sich erlauben, das Potential von Menschen mit Behinderung nicht zu nutzen. Das ist eine Win-Win Situation für alle.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Freumuth.

 

 

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Eine Antwort auf Jobs für Menschen mit Behinderung

  1. Erika sagt:

    Ein großes Problem ist die rechtliche Situation. Ich kann nur für die Verhältnisse in Österreich sprechen. Hier nimmt dich niemand wenn du eine Behinderung hast. Man muss eine Behinderung in jedem Fall dem Arbeitgeber mitteilen weil man einen besonderen Kündigungsschutz hat. Dies birgt dann meist Probleme mit sich! Schöner Artikel. Danke dafür! LG Erika

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