Icon Mann Frau„Oh je, Gendern von Texten, das klingt ja nicht so spannend, das kann ich doch sowieso schon.“ So ähnlich war mein erster Gedanke, kurz bevor unsere gesamte Kommunikationsabteilung an einem Workshop zum Thema „Sprachliche Gleichbehandlung von Männern und Frauen“ teilgenommen hat. Falsch, total daneben lag ich damit. Weder ist das ein langweiliges Thema, noch konnte ich in den vielen praktischen Beispielen im Workshop immer eine gute gendergerechte sprachliche Lösung finden.

In dem Workshop ging es nicht nur um die Überarbeitung von Texten, sondern es wurde auch ein Umdenken im Alltag angeregt. Wie oft lesen wir über Sätze hinweg und haben eine (oft falsche) Annahme, einzig und allein wegen der missverständlichen Formulierung? Hier ein Beispiel:

Ein Vater fuhr mit seinem Sohn im Auto, dann wurden sie in einen Verkehrsunfall verwickelt. Der Sohn wurde verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und musste operiert werden. Der diensthabende Arzt eilte in den OP, trat an den Operationstisch und wurde kreidebleich: „Ich bin nicht imstande zu operieren. Das ist mein Sohn.“ …wie ist das möglich? Der „diensthabende Arzt“ war in diesem Fall eine „diensthabende Ärztin“!

Besonders interessant fand ich, dass Texte durch die gendergerechte Überarbeitung auch tatsächlich sprachlich besser werden. Durch das Suchen von besseren Begriffen und Umschreibungen werden Texte auch nicht länger, wie oft vermutet wird, sondern werden kürzer und prägnanter formuliert. Und wen ich jetzt immer noch nicht von der Wichtigkeit des Themas überzeugt habe – Gendermainstreaming ist als gleichstellungspolitisches Instrumentarium für alle EU-Mitgliedsstaaten verbindlich. Das heißt, dass es Regierungsauftrag ist, die Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu berücksichtigen.

Wenn Sie sich weiter zum Thema informieren wollen, finden Sie hier eine Zusammenfassung mit nützlichen Tipps.

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3 Antworten auf Ich gendere, und was machst du so?

  1. Stefan Hoffmann sagt:

    Hallo Frau Hartlieb,
    dass Texte durch Gender-Eingriffe besser, prägnanter und gar kürzer würden, habe ich – nach immerhin fast zwanzig Jahren Berufserfahrung im Kommunikationsbereich – tatsächlich noch nicht erlebt. Haben Sie dafür ein Beispiel? Ich und viele andere PR-Leute würden aufatmen: Endlich wäre der bekannte Zielkonflikt (Gleichberechtigung, mit sprachlichen Verrenkungen und hässlicher Typographie vs. gute und flüssige Kommunikation, aber mit generischem Maskulinum) gelöst!
    Das von Ihnen aufgeführte Textbeispiel aus dem Workshop (“diensthabender Arzt”) erscheint mir doch sehr konstruiert und fern von jeglicher Sprachrealität. Man würde in diesem Text, so wie er da steht, das generische Maskulinum ja gar nicht verwenden dürfen, weil allein schon durch den narrativen Kontext und vor allem die Verwendung der direkten Rede der Leser/Zuhörer dem Erzähler/Sprecher die zweifelsfreie Kenntnis des Geschlechts des “diensthabenden Arztes” unterstellen muss. Die Verwendung des Maskulinum im vorliegenden Text ist daher nicht nur tatsächlich eine Fall für die Gleichstellungsbeauftragte sondern vor allem auch sprachlogisch falsch.
    Summa summarum: Überzeugt bin jetzt eigentlich immer noch nicht ….

    • Theresa Hartlieb Theresa Hartlieb sagt:

      Hallo Herr Hoffmann,
      vielen Dank für ihren Kommentar zu meinem Artikel! Gegenderte Texte können durchaus kürzer werden, so jedenfalls meine Erfahrung und die unserer Workshop-Leiterin. Ein gängiges Beispiel: Aus “Studentinnen und Studenten” wird dann “Studierende”. Oder aus “Die Komponistin oder der Komponist des Stückes ist unbekannt.” wird “Wer das Stück geschrieben hat, ist nicht bekannt.”
      Ich kann ihre Zweifel bzgl. des Textbeispiels aus dem Workshop nachvollziehen… Ziel der Workshop-Leiterin war es hier glaube ich, eine Situation darzustellen, in der die sprachliche Darstellung eindeutig eine Fehlinterpretation hervorruft. Aber Sie haben Recht, man kann bestimmt realistischere Situationen beschreiben.
      Viele Grüße!

      • Stefan Hoffmann sagt:

        Hallo Frau Hartlieb,
        vielen Dank für Ihre Ergänzungen! Das “Komponistenbeispiel” ist gut und tatsächlich besser.
        Ich könnte Ihnen als “Gender”-Ketzer aber entgegnen, dass es so etwas wie ein Taschenspielertrick ist, wenn man darlegt, dass “Studierende” kürzer ist als “Studentinnen und Studenten” und damit nachweisen will, das die ge”genderte” Version im Vorteil ist. Es handelt sich hier ja im Grunde in beiden Fällen um “Gender”-Versionen. Die unge”genderte” Version wäre eben das generische Maskulinum “Studenten”, das um ganze zwei Buchstaben kürzer ist als “Studierende” und nichts über das tatsächliche Geschlecht der gemeinten Personen aussagt. Ich weiß allerdings auch, dass die feministische Linguistik hier anderer Meinung ist und das auch mit Versuchsreihen zu belegen versucht hat.
        Viele Grüße!

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