Hautkrebs im November? Auf diese Idee würde man angesichts der kürzer werdenden Tage und der Regenwolken am Himmel eher nicht kommen. Erst recht nicht nach einem Jahrhundertsommer, wie wir ihn dieses Jahr hatten. Dennoch hat der Bundesverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) das Thema in diesem Jahr als Schwerpunkt für seine Aktionswoche Haut und Job gewählt, die heute beginnt. Mit gutem Grund: Vor fast einem Jahr wurde der so genannte “weiße Hautkrebs” durch Sonnenstrahlung – das Plattenepithelkarzinom und seine Vorstufen, die aktinischen Keratosen - in die Liste der Berufskrankheiten aufgenommen. Auch wenn endgültige Daten erst im kommenden Sommer vorliegen werden, spricht einiges dafür, dass die neue Berufskrankheit in diesem Jahr einen beachtlichen Anteil des Erkrankungsgeschehens ausmachen wird.

Betroffen sind Menschen, die häufig oder ständig im Freien arbeiten: Beispielsweise Beschäftigte am Bau, in der Land- und Forstwirtschaft, in der Fischerei, in Freibädern. Schätzungen zufolge beläuft sich die Zahl derer, die einen großen Teil ihrer Arbeitszeit im Freien verbringen, auf 2 bis 3 Millionen Personen. Dass die Belastung durch UV-Strahlung in der Arbeitszeit beträchtlich sein kann, zeigen erste Zwischenergebnisse des Projekts Genesis-UV. Ziel des Projekts ist, mit Hilfe von Messungen eine Art Kataster zu erstellen, aus dem sich für jeden Beruf die typische Belastung durch UV-Strahlung ableiten lässt.

Geschätzte 2 bis 3 Millionen Personen verbringen einen großen Teil ihrer Arbeitszeit im Freien. © twixx - Fotolia

Geschätzte 2 bis 3 Millionen Personen verbringen einen großen Teil ihrer Arbeitszeit im Freien. © twixx – Fotolia

Dazu wurden über 600 Menschen mit kleinen Geräten, so genannten Dosimetern, ausgestattet, mit denen sich messen lässt, wie stark sie bei der täglichen Arbeit Sonnenstrahlung ausgesetzt sind. “Die Datenqualität ist sehr hoch”, sagt Dr. Marc Wittlich, Projektleiter am Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) in Sankt Augustin. “Das liegt daran, dass die Geräte einfach zu bedienen sind, und wir zudem anhand eines Bewegungsmelders zuverlässig sagen können, wenn jemand das Gerät abgenommen und in die Sonne gelegt hat.”

Bereits die Rohdaten zeigen, dass die Strahlungseinwirkung sich je nach Beruf deutlich unterscheiden kann. “Bei einem Maurer haben wir zum Beispiel gemessen, dass er über die Sommermonate eigentlich in jeder Schicht einer Belastung ausgesetzt war, die über der Sonnenbrandschwelle liegt”, sagt Wittlich. “Und selbst unterhalb dieser Schwelle kann Strahlung zu Gesundheitsschäden hervorrufen.” Voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2016 soll das Projekt abgeschlossen sein. Dann können die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Parallel dazu machen sich Fachleute an verschiedenen Stellen bereits Gedanken, welche Möglichkeiten sich daraus für die Prävention am Arbeitsplatz ergeben. Die Dermatologin Professor Andrea Bauer vom Uniklinikum der Technischen Universität Dresden plädiert auch beim Risiko UV-Strahlung für die klassische Hierarchie im Arbeitsschutz: Verhältnis- vor Verhaltensprävention. “Unternehmen könnten zum Beispiel vermeiden, dass die Beschäftigten in der Mittagssonne draußen arbeiten oder könnten mit Sonnensegeln für eine ausreichende Beschattung sorgen.”

Auch Persönliche Schutzausrüstung kann für den Sonnenschutz eingesetzt werden: Schutzhelme mit einem ausreichend breiten Blendring können beispielsweise die Haut an Ohren und Nacken beschatten, ohne die Sicht einzuschränken, wie es bei einem Nackentuch der Fall ist. Ebenfalls ein wichtiges Thema: der Lichtschutzfaktor der Bekleidung. “Zwar bieten Synthetikstoffe eine höhere Schutzwirkung als Baumwolle, aber Befragungen haben gezeigt, dass Baumwolle aufgrund des höheren Tragekomforts mehr Akzeptanz bei den Beschäftigten hat.” Vorzuziehen seien dicht gewebte, dunkle Stoffe, so die Expertin. Zusammen mit anderen Fachleuten arbeitet Bauer derzeit an einem Schulungskonzept, um das Wissen, wie man sich schützen kann, in die Praxis zu tragen.

Die Einstellung der Beschäftigten zur Sonne verändern will auch Gerhard Citrich, Abteilungsleiter für Arbeits- und Gesundheitsschutz bei der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt und Versichertenvertreter in der Selbstverwaltung der BG BAU. Dass Sonnenlicht krank machen könne, wüssten zwar viele, aber vielen sei nicht bewusst, welchen Belastungen sie ausgesetzt seien. “Deshalb haben wir unserem Überlebenspaket für den Sommer ein Sonnometer beigelegt”, sagt Citrich. Als einfaches Messgerät im Checkkartenformat zeigt das Sonnometer an, wie hoch die Strahlenbelastung ist und welcher Lichtschutzfaktor zu empfehlen ist. “Gerade Männer wollen gern selbst ausprobieren und das Sonnometer ist ein einfacher Weg, um ihnen zu zeigen, dass sie sich schützen müssen.”

Die Prävention auf politischer Ebene voranbringen, will Professor Swen Malte John von der Universität Osnabrück. Das Problem: “In vielen Ländern Europas wird Hautkrebs zwar als Berufskrankheit anerkannt, aber es gibt kaum Meldungen – und damit auch kein ausreichendes politisches Bewusstsein.” Daher ist John als Lobbyist für gesunde Haut unter anderem in Brüssel unterwegs. Zusammen mit Dr. Marc Wittlich vom IFA sprach er unter anderem mit Vertretern der EU-Kommission darüber, wie man den Arbeitsschutz verändern könnte, um Beschäftigte im Freien besser zu schützen und so die Zahl der Erkrankungen zu verringern.

Das feuchte Novemberwetter und die Aussicht auf einen kalten Winter mag für diese Lobbyarbeit derzeit nicht die besten Voraussetzungen liefern, doch das sollte nicht täuschen: Der nächste Sommer kommt bestimmt und dann sollte es an allen Arbeitsplätzen im Freien heißen: Hautkrebs? Nein, danke! Sonnenschutz, ja bitte!

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