Was für ein Kontrast zu den schrecklichen Bildern und tragischen Geschichten von dem Fabrikeinsturz in Bangladesch, die vor zwei Jahren um die Welt gingen: Gestern nun konnten wir zu einer Podiumsdiskussion bei der DGUV in Berlin eine Gruppe von engagierten und hoch motivierten Gästen aus Bangladesch begrüßen, die sich in ihrem Land für gute und sichere Arbeitsplätze stark machen.

Herzliche Umarmungen, noch ein paar letzte Selfies gemacht, die Visitenkarten ausgetauscht und dann wartet auf die 24-köpfige Delegation auch schon wieder der Reisebus. Morgen geht der Flug zurück, nach einem insgesamt vierwöchigen Studienaufenthalt in Deutschland. Dazu eingeladen hatten das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), finanziert hat den Aufenthalt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Die Podiumsveranstaltung fand mit Unterstützung der Europäischen Bewegung Deutschland (EBD) statt.

Besuch aus Bangladesch: Die 24-köpfige Delegation verbrachte einen vierwöchigen Studienaufenthalt in Deutschland. Foto: Stephan Floss

“Das Unglück von Rana Plaza ist eine traurige Geschichte und ich bete für jede einzelne Seele“, sagt jetzt auf dem Podium der Arbeitsminister von Bangladesch, Muhammad Mujibul Haque Chunnu. Aber wenn man dem Unglück eine positive Seite abgewinnen könne, räumt er ein, dann diese: “Wir sind wach geworden! Wir sind den Ursachen auf den Grund gegangen, und wir haben gehandelt.” Und dann führt er auf: Die 300 Arbeitsinspektoren, die bisher gemeinsam mit der ILO ausgebildet wurden, die neuen Gesetze, die in kurzer Zeit verabschiedet wurden und ein modernes Arbeitsrecht auf den Weg bringen, an dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen einbezogen sind.

Um das Vierfache habe Bangladesch seine Ausgaben für den Arbeitsschutz erhöht, den Mindestlohn um 200 Prozent angehoben, neue hochqualifizierte Beamte eingestellt, und, ja auch das, Kindertagesstätten geschaffen. Immerhin 80 Prozent der in der Textilindustrie Beschäftigten in Bangladesch sind Frauen. Wenn man die sozialen Rahmenbedingungen verbessere und hier Sicherheit gebe, dann wirke sich das auch auf die Sicherheit an den Arbeitsplätzen aus, ist Chunnu überzeugt.

“Bevor wir finanzielle Entschädigung anbieten, müssen wir Prävention leisten”, fasst eine junge Frau zusammen. Foto: Stephan Floss

Wie sichere und gesunde Arbeitsplätze aussehen können, das hatte die Delegation aus Bangladesch, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der Beschäftigten, der Arbeitgeber und des staatlichen Arbeitsschutzes, in den vergangenen Wochen erfragen und auch ausprobieren können – zum Beispiel beim Besuch im Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) in Sankt Augustin, wo es einen ergonomisch gestalteten Näharbeitsplatz zu besichtigen gab. “Wir Arbeiterinnen wollen unsere Zukunft im Land sichern. Und bevor wir finanzielle Entschädigungen bei Unfällen anbieten, müssen wir Prävention leisten”, fasst eine junge Frau aus der Delegation ihre Erkenntnisse von der Reise zusammen.

Bangladesch will ein nachhaltiges Unfallversicherungssystem aufbauen – um nicht mehr und um nicht weniger geht es. Vom deutschen System der Unfallversicherung haben die Gäste aus Bangladesch einige Anregungen mitgenommen: Von der Prävention als wichtigster Säule, über eine erfolgreiche Rehabilitation – in Deutschland kommen mehr als 90 Prozent der Menschen nach einem Arbeitsunfall wieder zurück in den Beruf – und erst dann, wenn die Rehabilitation nicht greift, steht schließlich als dritte Säule die finanzielle Entschädigung. Und da ist noch ein wichtiges Merkmal, das Dr. Rainhardt Freiherr von Leoprechting, Vorstandsvorsitzender der DGUV auf Arbeitgeberseite, besonders hervorhebt: Die Sozialpartnerschaft, mit der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen am Thema Arbeitsschutz beteiligt sind. “Mit einer Sozialpartnerschaft kann man Arbeitsbedingungen schaffen, unter denen man gesund bleibt und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich sein kann.“

Lernen vom System der gesetzlichen Unfallversicherung in Deutschland. Foto: Stephan Floss

Lernen vom System der gesetzlichen Unfallversicherung in Deutschland. Foto: Stephan Floss

In Bangladesch gebe es rund 300 Gewerkschaften, berichtet ein Gast aus der Delegation, es sei leicht, diese zu gründen, man könne dies per Gesetz sogar einklagen. Heribert Jöris, Tarifgeschäftsführer vom Handelsverband Deutschland (HDE) gibt zu bedenken, dass die Gewerkschaftslandschaft in Bangladesch möglicherweise zu zersplittert sei und empfiehlt: “Gewerkschaften brauchen hochprofessionelles Personal. Wichtig ist nicht allein die Anzahl, sondern denken Sie auch an einen Dachverband für die Gewerkschaften – damit sie ein starker Ansprechpartner sind, gepaart mit Professionalität.“ Und Frank Zach vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) unterstreicht noch einmal die Rolle von Gewerkschaften im politischen System: “Gewerkschaften sind nicht Teil eines Unternehmens. Natürlich sind wir bereit, konstruktiv mitzuarbeiten. Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch kampfbereit sind und die Möglichkeit haben, die Arbeit niederzulegen.“

Funktioniert das alles auch für Bangladesch? Wird Bangladesch als Produktionsstandort gar zu teuer? Wandern dann die Arbeitsplätze in der Textilindustrie in andere, vielleicht afrikanische, Länder ab? Auch diese Fragen kamen bei der Podiumsdiskussion auf. Dr. Rainhardt Freiherr von Leoprechting, der selbst auf eine lange Karriere im Handel zurückblickt, argumentiert – zusätzlich zur gesellschaftlichen Verantwortung – mit der Bedeutung der jeweiligen Handelsmarke für die europäischen Unternehmen, um hier im Preiswettbewerb bestehen zu können: “Auch aus diesem Grund ist es wichtig, nicht in einer Lieferkette zu stehen, an deren Ende es zu Unfällen kommt – denn das würde  ja auch letztendlich die Marke beschädigen.“

Beispiele aus der Praixs: Zuhören und diskutieren. Foto: Stephan Floss

Beispiele aus der Praxis: Zuhören und diskutieren. Foto: Stephan Floss

Warum engagieren sich die BMZ, DGUV und ILO für den Arbeitsschutz in Bangladesch? “Wir wollen Transparenz in globale Lieferketten bringen, denn wir tragen mit der Kleidung auch Verantwortung auf unserer Haut“, sagt Thomas Silberhorn, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Interessant für Bangladesch wird auch der Vision-Zero-Fonds sein, den die G7-Staaten beim Gipfel im Juni 2015 beschlossen haben. Er soll helfen,  mit gezielten Präventionsmaßnahmen entlang der globalen Lieferkette Arbeitsunfälle zu verhindern und vor allem dem Textilsektor und ärmeren Ländern zu Gute kommen. Das Besondere: “Der Vision-Zero-Fonds setzt auf “Collective Action”, dem Zusammenspiel von öffentlichem und privatem Sektor, also der Regierung vor Ort, den Produzenten, den Zulieferern, den Sozialpartnern. Nur zusammen macht das Sinn“, sagt Susanne Hoffmann vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), das für 2016 drei Millionen Euro für den Vision-Zero-Fonds vorgesehen hat.

Und umgekehrt, wie sehen das die Gäste aus Bangladesch? “Deutschland ist der zweitwichtigste Käufer und damit ein sehr wichtiger Partner für uns, 40 Millionen Menschen leben davon. Diese Beziehung soll langfristig sein, und ich bitte Sie und die deutsche Regierung, uns weiter zu unterstützen“, appelliert Bangladeschs Arbeitsminister Mujibul Haque Chunnu.

“Dies war einer der ersten wichtigen Schritte auf dem Weg zu einer Unfallversicherung in einem Land, das uns gewissermaßen kleidet“, fasst DGUV-Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Breuer den Austausch mit Bangladesch zusammen. Am Ende der Veranstaltung sind alle Mitglieder der 24-köpfigen Delegation noch einmal gemeinsam auf der Bühne. Und hier wird bereits der nächste Schritt besiegelt: Drei Stipendiaten aus Bangladesch werden demnächst an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg Sozialversicherungswissenschaft studieren.

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3 Antworten auf Gute Arbeit weltweit: Besuch aus Bangladesch

  1. Pauline sagt:

    Eine sehr gute Zusammenstellung und ein toller Blog. Ich freue mich immer wieder, wenn ich bei euch vorbeischaue. Macht weiter so!

  2. Die Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) hat den Besuch der Delegation aus Bangladesch gerne unterstützt. So besuchte die Delegation zum Beispiel drei Mitgliedsunternehmen der BG ETEM aus dem Textilbereich. Dabei konnten unsere Arbeitsschutzexperten viel Fachwissen speziell für die Textilindustrie vermitteln. In unserer Bezirksverwaltung Dresden ging es unter anderem darum, wie eine Unfallversicherung in der Praxis funktioniert. Vier Tage lang war die Delegation auch in unserer Bildungsstätte Bad Münstereifel zu Gast, wo sie unter anderem mit Mitgliedern unserer Selbstverwaltung über das Thema „sozialer Dialog“ diskutiert hat.
    Einige Termine konnte ich selbst begleiten. Dabei haben mich der große Wissensdurst und die intensiven Diskussionen beeindruckt. Besonders positiv ist aus meiner Sicht, dass der Aufbau einer Arbeitsunfall-Versicherung nicht nur ein Projekt der Regierung von Bangladesch ist. Die Unterstützung, die der Präsident des Textilarbeitgeber-Verbandes Atiqul Islam ausgedrückt hat, ist m.E. ein wesentlicher Faktor.

  3. Wolfgang sagt:

    Mehr zum Thema gibt es auf der A+A 2015 v. 27.- 30. Oktober in Düsseldorf – http://www.AplusA.de – .

    Am Freitag, 30. Oktober 2015 findet im CCD.Süd in Raum die Veranstaltung “Global nachhaltige Textilien” statt.
    Beteiligt sind u.a. Thomas Silberhorn, Parlamentarischer Staatssekretär, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Dr. Annette Niederfranke, Direktorin, Internationale Arbeitsorganisation (ILO), Berlin, Dr. Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer, Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie sowie weitere Verbände, Einrichtungen u.a. die DGUV, Beschaffungsstelle des BMI als auch NGOs. Die Veranstaltung ist öffentlich.

    Im Rahmen der A+A 2015 findet auch ein mehrtägiges Treffen der ILO und IVSS statt, das sich mit dem Thema “Herausforderungen und Lösungen in einer globalen Ökonomie beschäftigt – weltweite Aktion für Prävention” beschäftigt.

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