2012 hat die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) erstmalig eine repräsentative EU-weite Umfrage zum Thema Gewalt gegen Frauen durchgeführt, an der 42.000 Frauen teilnahmen. Die wichtigsten Ergebnisse zeigen, dass ein Drittel der Frauen in der EU physische und/oder sexuelle Gewalt erlebt haben, wobei in einigen Ländern der prozentuale Anteil noch wesentlicher höher ist.

Das Resultat war für Fachleute auf diesem Gebiet keineswegs überraschend. Andere Studien auf nationaler Ebene, wie beispielsweise eine deutsche Umfrage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, an der über 10.000 Frauen teilnahmen, zeigten bereits 2003 ein ähnliches Bild. Aber das macht die Umfrageergebnisse nicht weniger schockierend. Die Vorwürfe, dass Migranten Gewalt gegen Frauen mit nach Europa bringen, sind seit den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln noch immer nicht verstummt. In diesem Kontext ist die Umfrage der FRA ein wertvoller Hinweis darauf, dass es geschlechtsspezifische Gewalt schon lange gab, bevor Syrer oder Afghanen den Weg über das Mittelmeer nach Europa suchten.

© Photographee.eu - Fotolia.com

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Und wie sieht es mit Gewalt gegen Frauen am Arbeitsplatz aus? Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen sexueller Belästigung ausgesetzt sind, steigt laut Umfrage der FRA, je höher der berufliche Status einer Frau ist. 75 Prozent der Frauen im Top-Management haben bereits sexuelle Belästigungen in ihrem Leben erfahren. Bei Frauen, die niemals berufstätig waren, liegt diese Zahl im Vergleich dazu nur bei 41 Prozent. Diese Situation verdeutlicht einerseits, dass berufstätige Frauen einem höheren Risiko sexueller Belästigung ausgesetzt sind, und legt andererseits die Vermutung nahe, dass dieses Risiko bei Frauen in Spitzenpositionen in bestimmten Arbeitsumgebungen noch weiter steigt. (Es ist aber auch ein Hinweis darauf, dass diese Frauen vermutlich eher in der Lage sind, gewisse Kommentare oder Handlungen als sexuelle Belästigung zu erkennen.)

Um diese Situation zu ändern, müssen Frauen ihre Rechte gegenüber ihren Vorgesetzten und Kollegen kennen und offizielle Beschwerden einreichen. Aber in diesem Zusammenhang verdeutlicht die Umfrage der FRA zwei weitere wichtige Erkenntnisse. Erstens ist das Rechtsbewusstsein verhältnismäßig gering. Durchschnittlich 59 Prozent der Befragten kennen die nationale Gesetzgebung zum Schutz von Frauen gegen häusliche Gewalt. Diese Ziffer liegt in einigen Ländern sogar nur bei circa 30 Prozent.

Gleichzeitig ist die Zahl derjenigen Frauen, die erlittene Gewalt oder Belästigungen anzeigen bzw. melden, verschwindend gering: Nur 13 Prozent der Befragten erstatteten bei der Polizei Anzeige nach dem schwerwiegendsten Vorfall physischer oder sexueller Gewalt, die ihnen von einem Fremden zugefügt wurde. Als Gründe dafür, von einer Meldung abzusehen, wurde das Schamgefühl angeführt und unter anderem Antworten wie „Das habe ich auf meine Weise geregelt“ oder „Es war nicht schwerwiegend genug“. Ein ähnliches Verhaltensmuster lässt sich bei der Meldung von Belästigungen beobachten.

In kleinen Schritten zum Erfolg

Dennoch ist die Situation nicht ganz so hoffnungslos, wie es scheinen mag. In allen EU-Ländern gibt es Hilfsorganisationen für Opfer von Gewalt gegen Frauen, und die Gesetzgebung wurde in einigen Ländern für einen besseren Schutz der Frauen verschärft. Zusätzlich schreibt die 2006 vereinbarte EU-Richtlinie zur Gleichstellung der Geschlechter vor, dass sexuelle Belästigung sowohl am Arbeitsplatz als auch im Zusammenhang mit dem Zugang zur Beschäftigung, der Berufsausbildung sowie der Ausbildungsförderung verboten werden muss.

Außerdem trat im August 2014 das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, auch bekannt als „Istanbulkonvention“, in Kraft. Mit diesem Meilenstein in dem Bemühen zur Bekämpfung von Gewalt gegen und Belästigung von Frauen wurde vertraglich festgehalten, dass „jede Form von ungewolltem sexuell bestimmtem verbalem, nonverbalem oder körperlichem Verhalten …, insbesondere wenn dadurch ein Umfeld der Einschüchterung, Feindseligkeit, Erniedrigung, Entwürdigung oder Beleidigung geschaffen wird, strafrechtlichen oder sonstigen rechtlichen Sanktionen unterstellt werden muss. 13 Mitgliedstaaten der EU haben die Konvention bereits ratifiziert (Deutschland allerdings noch nicht). Bei der Überwachung der Implementierung wird spezifisch gefragt: „Welche Maßnahmen wurden ergriffen, um im Zusammenhang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz … die Festlegung von Protokollen oder Richtlinien für entsprechende Vorgehensweisen zu fördern?“

Schlussfolgerung

Trotz des Fortschritts, der in den letzten Jahrzehnten auf diesem Gebiet erzielt wurde, gibt es dennoch viel zu tun. Das haben die Umfrage der FRA wie auch andere frühere nationale und regionale Umfragen zweifellos deutlich gemacht.

Mit der wachsenden Zahl an Flüchtlingen, Asylsuchenden und Migranten in der EU steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen als ungelernte Arbeitskräfte Opfer von Ausbeutung werden. Eine andere Untersuchung der FRA zum Thema Schwere Formen der Arbeitsausbeutung: Arbeitskräfte aus der EU oder Drittstaaten hat gezeigt, dass neben dem Geschlecht, dem Mangel an Sprachkenntnissen, der damit verbundenen Unfähigkeit, Verträge auszuhandeln oder zu verstehen, die Wahrscheinlichkeit der Ausbeutung erhöht. Neben den Erkenntnissen der FRA über eine weit verbreitete Belästigung von Frauen in Managementpositionen, beobachten wir Verstöße gegen die Rechte der Frauen in allen Bereichen des Arbeitsmarktes. Diese Situation muss sich ändern – dafür bedarf es keiner Untersuchung seitens der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte.

PS: Warum ich keine speziellen Daten für Deutschland erwähnt habe? Weil die deutschen Zahlen bei nahezu jeder Frage nur wenige Prozentpunkte vom europäischen Durchschnitt abweichen – übrigens ein interessanter Ansatz für eine weitere Studie. Ausführliche Informationen bietet der interaktive Data Explorer der FRA.

Diesen Beitrag können Sie auch hier auf Englisch lesen.

Katya Andrusz FRADies ist ein Gastbeitrag von Katya Andrusz, Redenschreiberin und Kommunikationsexpertin bei der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA). Neben dem Thema Gewalt gegen Frauen schreibt sie auch über weitere Themen der Grundrechte wie Migration, Rassismus und Xenophobie, und Hasskriminalität.

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