Die Wunde sieht ziemlich echt aus. Leicht erhaben schillert sie rosa und violett auf der linken Stirnhälfte des vermeintlichen Unfallopfers. In der Mitte leuchtet ein Kleks Theaterblut. Merke: Wer einen Erst-Hilfe-Kurs anleitet, sollte einen Kasten Wasserfarben dabei haben.

In einem Erste-Hilfe-Kurs des Roten Kreuzes üben die Teilnehmer in Kleingruppen, sich gegenseitig Verbände anzulegen.

In einem Erste-Hilfe-Kurs des Roten Kreuzes üben die Teilnehmer Verbände anzulegen (Bild: DGUV)

Kein Problem für Mario Garbrecht, Landesausbilder beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Brandenburg. „Ihr kommt zur Unfallstelle und seht den Verletzten im Auto auf der Fahrerseite sitzen. Was macht Ihr jetzt“, fragt Garbrecht die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die sind alle selbst Ausbilder und Ausbilderinnen beim Roten Kreuz. Einen Grundkurs in Erster Hilfe brauchen sie mit Sicherheit nicht. Aber heute wollen Sie sich zeigen lassen, was sich für sie und ihren eigenen Unterrichtsstil ab dem 1. April 2015 ändern wird.

Zu diesem Datum bekommt die Erste-Hilfe-Grundausbildung in Deutschland eine neue Struktur. Zeitlich werden die Seminare von bisher 16 auf neun Unterrichtsstunden verschlankt. Parallel soll der praktische Anteil für die Teilnehmenden deutlich steigen. Die für die betrieblichen Ersthelfer verpflichtenden regelmäßigen Fortbildungen werden ausgeweitet, auch sie betragen künftig neun Unterrichtseinheiten. Hintergrund dieser Neuerungen sind Studien, die gezeigt haben, dass die bisherige zweitätige Grundausbildung zu theoretisch und nicht nachhaltig war. Viele von den vorgetragenen Inhalten wurden rasch wieder vergessen. Deshalb soll sich der didaktische Ansatz jetzt verändern. „Die Novellierung der Erste-Hilfe-Ausbildung sieht vor, die Teilnehmer direkt einzubinden und mit lebensnahen Szenarien zu arbeiten“, sagt Christoph Müller, Sachgebietsleiter Erste Hilfe bei DRK.

In einem Erste-Hilfe-Kurs des Roten Kreuzes lernen die Teilnehmer, wie sie zu zweit einer verletzten Motorradfahrerin den Helm abnehmen.

In einem Erste-Hilfe-Kurs des Roten Kreuzes lernen die Teilnehmer, wie sie zu zweit einer verletzten Motorradfahrerin vorsichtig den Helm abnehmen können. (Bild: DGUV)

Das heißt für den Muster-Grundkurs: Wäre das Wetter in Potsdam heute nicht kalt und regnerisch, dann würde der schön geschminkte Verletzte nicht auf einem Stuhl sitzen, sondern draußen im Auto. „Geht raus mit euren Teilnehmern, wann immer das Wetter es zulässt“, schärft Mario Garbrecht der Gruppe ein. Denn wie ich einen Verletzten im Auto richtig anspreche, in welchem Winkel ich zu ihm stehen muss, um einen Rettungsgriff anzuwenden, das lässt sich am besten unter möglichst realen Bedingungen üben.

Inzwischen hat jemand aus der Gruppe einen Notruf abgesetzt, ein anderer hat die Unfallstelle gesichert und selbstverständlich tragen alle Warnwesten zu ihrer eigenen Sicherheit. Zwei Frauen kümmern sich um den Verletzten, sprechen mit ihm, helfen ihm aus dem Wagen und legen einen Kopfverband an. Die erste Aufgabe ist bestanden. Es folgen noch: eine Beifahrerin mit stark blutender Wunde am Arm, eine Verletzte ohne Bewusstsein und ein Motorradfahrer, dem nach dem Unfall der Helm ausgezogen werden muss. Nach der ersten ausführlichen Besprechung werden diese vier Szenarien dann in Kleingruppen geübt. Selbst den Profis merkt man an, dass ihnen das Training Spaß macht. Glitzernde Rettungsdecken rascheln, Verbandzeug wird um Köpfe und Arme gewickelt. Und auch die gegenseitige Korrektur klappt gut. „Um den Verletzten in die stabile Seitenlage zu bringen, musst Du das Bein von außen greifen, sonst klemmst Du Dir die Hand ein.“

In einem Erste-Hilfe-Kurs des Roten Kreuzes demonstriert der Kursleiter an einer Teilnehmerin die stabile Seitenlage eines Verletzten. (Bild: DGUV)

In einem Erste-Hilfe-Kurs des Roten Kreuzes demonstriert der Kursleiter an einer Teilnehmerin die stabile Seitenlage eines Verletzten. (Bild: DGUV)

„Wir machen Erwachsenenbildung. Unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer bringen schon ganz viel Wissen mit. Beschränkt Euch auf das Wesentliche“, mahnt Mario Garbrecht. „Wer mehr wissen will, dem könnt ihr mit den entsprechenden Broschüren weiterhelfen.“ Aber es gibt auch kritische Stimmen im Kurs. Werden die neun Stunden ausreichen? Müsste den Teilnehmenden nicht mehr statt weniger vermittelt werden? Doch Garbrecht steht hinter dem neuen Konzept, das das DRK zusammen mit der gesetzlichen Unfallversicherung und der Bundesarbeitsgemeinschaft Erste Hilfe entwickelt hat. „Wir wollen den Leuten die Botschaft vermitteln: Erste Hilfe ist nicht schwierig. Das Einzige, was sie falsch machen können, ist, nicht zu helfen.“

Was ist bei der Wiederbelebung und dem Einsatz des automatisierten Defibrillators (AED) zu beachten, welche Notfallmaßnahmen sind bei bestimmten Erkrankungen zu treffen und wie legt man Verbände an? Das Programm für einen Tag ist anspruchsvoll, aber auch kurzweilig, denn die Teilnehmenden sind dauernd in Aktion. Manchmal gibt es zur Unterstützung einen kurzen Film und natürlich Erklärungen des Kursleiters. Aber ansonsten heißt es ausprobieren und selber machen. Eine der Teilnehmerinnen hat in ihren eigenen Kursen bereits Teile des neuen Ausbildungskonzepts ausprobiert. „Die Resonanz war ausgesprochen gut“, sagt sie.

Weitere Infos: http://www.dguv.de/fb-erstehilfe/index.jsp

http://www.bageh.de/wer-wir-sind/gemeinsame-grundsätze/

 

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6 Antworten auf Erste-Hilfe Kurse mit neuem Mitmach-Konzept

  1. Timo Segerer sagt:

    Ich denke, dass gerade auch die psychologische Ausbildung der Ersthelfer in einem solchen Rahmen gut Platz fände. Viele Unfälle im Straßenverkehr sind mit einer hohen psychischen Belastung für die Betroffenen verbunden. Eine Auffrischung des entsprechenden Verhaltens der Ersthelfer wäre in solchen Kursen damit bestimmt eine gute Ergänzung.

  2. Eine Auffrischung ist immer wichtig. Wenn man sich selbst nicht auf dem neuesten Stand hält, kann man schnell viel falsch machen und man weiß es gar nicht. Erste Hilfe braucht man öfter als man denkt. Mir ist es schon oft so gegangen, dass ich das Wissen aus den Kursen, die ich hatte, gebrauchen konnte. Das ist für mich auch eine Bestätigung die Kurse regelmäßig zu besuchen.

  3. Oft ist ein Notfall zwar nur von kurzer Dauer, aber die Auswirkungen sind meist gravierend und fatal.
    Deshalb sollte jeder sein Wissen immer aktuell halten und auffrischen.

    Super Beitrag.

  4. Mir gefâllt die neue Regelmäßigkeit in Bezug auf die Praxis-Seminare. Wissen muss aufgefrischt werden, das kennt jeder Mensch. Vor allem bei Erste Hilfe ein nicht zu vernachlässigender der Aspekt, wenn es um Leben und Tod geht. Danke fur diesen Beitrag.

  5. Ich finde das Angebot von Erste-Hilfe Kursen wirklich sehr wichtig, denn nur so kann man in Notsituationen Helfen lernen. Werde demnächst auch wieder einen Kurs in meiner Nähe besuchen gehen.

  6. Ich find es gut, dass die Ausbildung der Ersten-Hilfe nun auch offiziell realistisch dargestellt werden darf.Eine neue Erfindung ist dies allerdings nicht, sondern wird schon seit Jahren praktiziert um die Mitarbeiter eines Unternehmens direkt auf Komplikationen an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz vorzubereiten.
    Was als Ergänzung die “stressige Ausbildung” unterstützen würde, wäre ein “Lehrbuch” was diese Stresssituationen entspannt und dadurch das Erworbene vertieft.Empfehlen würde ich das in Wilhelm Busch Manier verfasste Buch “Nicht immer gleich ins Schattenreich”……Einfach mal reinlesen..;-)

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