Wie geht es weiter, wenn nach Unfall oder Krankheit eine Behinderung bleibt? Medizin und Rehabilitation sind für das körperliche Wohl da. Aber was ist mit all den Fragen, Ängsten und Gefühlen?

Peer-Beraterin Dagmar Marth (Mitte) traf sich mit den Amputations-Patienten Carsten Hoppe und Sylvia Wehde zum Gespräch über die Hilfe von Betroffenen für Betroffene. (Bild: Bräuniger, DGUV)

Peer-Beraterin Dagmar Marth (Mitte) traf sich mit den Amputations-Patienten Carsten Hoppe und Sylvia Wehde zum Gespräch über die Hilfe von Betroffenen für Betroffene. (Bild: Bräuniger, DGUV)

Hier können Peers unterstützen, Menschen die Ähnliches erlebt haben, Gesprächspartner auf Augenhöhe. Die gesetzliche Unfallversicherung hat deshalb vor dem Hintergrund ihres Aktionsplans zur Umsetzung der UN-BRK ein Peer-Projekt angestoßen. Wie funktioniert solch eine Beratung? Ein Gespräch mit Peer-Beraterin Dagmar Marth und den beiden Amputations-Patienten Carsten Hoppe und Sylvia Wehde.

Herr Hoppe, Ihnen wurde im Unfallkrankenhaus Berlin nach einem Motorradunfall der linke Unterschenkel amputiert. Wie haben Sie die erste Begegnung mit Ihrer Peer-Beraterin Frau Marth erlebt?

Hoppe: Nach dem Unfall bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Meine Familie hat mich zwar toll unterstützt, aber die wussten ja auch nicht, wie es weitergeht. Als Frau Marth dann kam, war das einfach ein gutes Gefühl. Da steht und geht jemand und hat nur ein Bein – genauso wie ich. Das war eine große Motivation.

Marth: Ja, ich bin das laufende Beispiel. Als Peer-Beraterin verstehe ich mich als Botschafterin eines neuen Lebens. Nach der Amputation ist das Leben nicht wie vorher, aber es kann natürlich trotzdem gut sein. Ich möchte den Patienten und Patientinnen, die ich besuche, Mut machen und Sie darin bestärken, ihren eigenen Kompetenzen zu vertrauen.

Peer Beraterin Dagmar Marth: "Ich möchte den Patienten und Patientinnen, die ich besuche, Mut machen." (Bild: Bräuniger, DGUV)

Peer Beraterin Dagmar Marth: “Ich möchte den Patienten und Patientinnen, die ich besuche, Mut machen.” (Bild: Bräuniger, DGUV)

Frau Wehde, Sie haben als junge Frau den linken Vorderfuß verloren, später dann den rechten Unterschenkel. Heute leiten Sie eine Selbsthilfegruppe. Worin liegt der Unterschied zu einer Peer-Beratung.

Wehde: In der Gruppe sprechen wir über ganz praktische Dinge. Was gibt es Neues in der Prothesentechnik? Wo finde ich eine gute Gehschule? Wir tauschen uns aus und wir unternehmen viel zusammen. Die Gemeinschaft zählt. Das ist mit einer Peer-Beratung gleich nach der Operation nicht zu vergleichen. Da geht es um intensive Einzelgespräche.

Marth: In den Peer-Beratungen, die ich mache, bestimmen die Patienten das Gesprächsthema. Ich höre aktiv zu, das ist wichtig. Meist geht es dann um die emotionalen Aspekte der neuen Situation. Wie gehe ich mit der eigenen Scham um? Mit den Reaktionen meiner Umwelt? Welche neuen Grenzen muss ich akzeptieren und wie schaffe ich es, auch mal um Hilfe zu bitten.

Frau Marth, die Peerberatung ist eine ehrenamtliche Tätigkeit. Was müssen Menschen mitbringen, die Peers werden wollen? Wie können sie sich vorbereiten?

Marth: Der wichtigste Schatz, den Peer-Berater mitbringen, ist ihre Erfahrung. Sie haben selbst eine Amputation oder einen anderen schweren Unfall erlebt und mussten ihr Leben auf die neue Situation einstellen. Sie sollten dieses Erlebnis allerdings gut für sich verarbeitet haben, bevor sie Gespräche mit frisch Betroffenen führen. Ich habe die Traumata meines eigenen Unfalls Mitte der 80er Jahre in einer Therapie bearbeitet. Natürlich helfen auch pädagogische oder therapeutische Ausbildungen und  Fortbildungen in Gesprächsführung. Die Stiftung MyHandicap aus der Schweiz hat zum Beispiel entsprechende Angebote für Peers.

Unfallopfer Carsten Hoppe: "Da steht und geht jemand und hat nur ein Bein – genauso wie ich. Das war eine große Motivation." (Bild: Bräuniger, DGUV)

Unfallopfer Carsten Hoppe: “Da steht und geht jemand und hat nur ein Bein – genauso wie ich. Das war eine große Motivation.” (Bild: Bräuniger, DGUV)

Hoppe: Solche Vorbereitungen sind wichtig. Emotionale „flashbacks“ kommen ganz unerwartet. Sie sind einer der Gründe, warum ich mir noch nicht zutraue, ehrenamtlich als Peer zu arbeiten. Auch wenn mein Unfall jetzt schon ein paar Jahre zurück liegt.

Welche Probleme treten nach Ihrer Erfahrung häufig auf, wenn plötzlich ein Leben mit Behinderung organisiert werden muss?

Marth: Der Verlust eines Beins kann weitere Verluste nach sich ziehen. Hält meine Familie zu mir? Kann ich noch in meinem alten Job arbeiten oder nicht? Auf diese Unsicherheiten reagieren manche Menschen mit Angststörungen oder Depressionen. Ein ganz wichtiger Punkt ist der Beruf. Da hängen ja nicht nur finanzielle Fragen dran, sondern auch ganz viel Selbstwertgefühl.

Hoppe: Ja, das hat mir auch unglaubliche Sorgen gemacht. Der Betrieb hatte mir sogar schon ein Kündigungsschreiben vorgelegt. Aber da habe ich protestiert. Ich wollte eine Bewährungsphase und hatte Erfolg. Ich habe bewiesen, dass es geht. Ich arbeite heute wieder in meinem alten Beruf als Hausmeister.

Wehde: Ob ein Mensch nach einer Amputation oder einer anderen schweren Verletzung wieder zurück in ein aktives Leben findet, hängt von vielen Dingen ab. Alter, Persönlichkeit, finanzielle Absicherung.

Marth: Das stimmt, aber es gibt viele, die es schaffen. Sie sind für mich die Helden und Heldinnen des Alltags.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

Weiterführende Informationen:

DGUV „Unterstützung durch Peers“:  http://www.dguv.de/de/reha_leistung/teilhabe/schwerverletzte/index.jsp

Selbsthilfegruppe: www.amputiertenhilfe-bln-bbg.de

 

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