Eindrücke von den Inklusionstagen 2015

“Forum 2: Bewusstseinsbildung” so steht es auf dem Schild vor dem Saal B05. Auf dem kleinen Podium in der Raummitte sitzen der Moderator, zwei Vertreter des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) und ein Experte in eigener Sache – ein Mensch mit einer Behinderung. Dazwischen zwei freie Stühle. Das Publikum sitzt drum herum. Wer etwas fragen oder sagen möchte, muss sich auf einen der freien Stühle setzen. Der Moderator lädt das Publikum ein, die “Fische im Wasserglas” zu beobachten, und jederzeit gerne in die Diskussion einzutauchen.

Inklusion-KollageDiese “fishbowl”-Methode war ungewöhnlich, sorgte aber für spannende Begegnungen bei den Inklusionstagen des BMAS. Das hatte Betroffene sowie Verbände, Vereine, Sozialversicherungsträger und andere Interessierte eingeladen, den Entwurf für den zweiten Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Behindertenrechtskonvention (kurz NAP 2.0) zu diskutieren. Und das taten die über 600 Teilnehmer und Teilnehmerinnen sehr intensiv und leidenschaftlich in den 18 Foren mit der oben beschriebenen “fishbowl”-Methode. 18 Themen in zwei Tagen – von Mobilität und Arbeit über Bildung, Kultur und Bauen bis hin zu Rehabilitation und Gesundheit  sowie Persönlichkeitsrechte. Das BMAS hatte sich viel vorgenommen. Das gilt auch für den Entwurf zum NAP 2.0 – über 122 neue Maßnahmen wurden aufgenommen, alle Bundesministerien wurden eingebunden und 5 ressortübergreifende Maßnahmen erarbeitet. Der Entwurf zum NAP 2.0 ist eine notwendige Weiterentwicklung. Denn die Staatenprüfung durch den zuständigen UN-Vertragsausschuss hatte deutlich gemacht:
Deutschland muss nachbessern.

Zurück zum Forum “Bewusstseinsbildung”: Die Vertreter des BMAS (Richard Fischels und Wolfram Giese) vermelden einen Erfolg:  50 Prozent aller Deutschen könnten sich etwas vorstellen unter dem Begriff “Inklusion”. Nur was – diese Antwort bleibt offen. Christian Judith – der eingeladene Experte in eigener Sache – steigt in die Diskussion ein und macht sofort deutlich: Für Bewusstseinsbildung reichen keine Kampagnen – so gut sie auch sein mögen (wie zum Beispiel die Kampagne des BMAS im Jahr 2011 “Behindern ist heilbar”). Das Bewusstsein für behindernde Strukturen und behinderndes Verhalten kann nur durch Begegnung verändert werden. Durch Begegnung auf Augenhöhe von Menschen mit und ohne Behinderung. Es wird lebhaft diskutiert, die Stühle im fishbowl sind nie leer und die 105 Minuten reichen nicht aus.  Es wird sehr deutlich, warum “Bewusstseinsbildung” im NAP 2.0 ein eigenes Handlungsfeld bekommen hat. Sie ist der Schlüssel zu vielen Türen. So fasst auch Christian Judith am Ende des Forums Bewusstseinsbildung treffend zusammen: “Warum fragen wir immer: Wie nützt Inklusion den Behinderten? Die wichtige Frage ist doch: Was haben die ‘mehrfach Schwernormalen’ von Inklusion?”.

Das Fazit nach zwei Tagen: In jedem einzelnen Handlungsfeld gibt es noch viel zu tun, aber Deutschland ist auf dem Weg. Dazu tragen auch die vielen Aktionspläne von Unternehmen und Institutionen bei. Auch die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen haben sich mit einem gemeinsamen mittlerweile zweiten Aktionsplan konkrete Ziele und Maßnahmen vorgenommen, um Inklusion mehr und mehr zu leben. Viele gute Aktionen und Projekte sind dabei schon entstanden. Sie können Motivation für andere Institutionen sein.

Hier können Sie den Aktionsplan 2.0 der gesetzlichen Unfallversicherung zur Umsetzung der UN-BRK in den Jahren 2015-2017 lesen.

Bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention gibt es hier gute Beispiele aus der Praxis der gesetzlichen Unfallversicherung.

Dies ist ein Gastbeitrag von unserer Kollegin Kathrin Baltscheit aus dem Referat Redaktion und Medien der DGUV.

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