Ausnahmeereignisse wie der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo stellen für die Betroffenen eine extreme Belastung dar. Wir sprachen mit der Trauma-Expertin Anne Gehrke vom Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung über die möglichen psychischen Folgen und die Bedeutung von psychologischer Erstbetreuung bei Unfällen und Gewalt am Arbeitsplatz.

Traurige Frau schaut durch ein verregnetes Fenster

Das Erleben nach einem traumatischen Erlebnis ist geprägt von starker Angst, Hilflosigkeit und Entsetzen. © igor – Fotolia.com

Frau Gehrke, traumatische Ereignisse wie der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo sind für die betroffenen Beschäftigten auch seelisch sehr belastend. Welche Folgen kann das für die psychische Gesundheit haben?

Ein solches traumatisches Ereignis stellt eine außergewöhnliche Bedrohung dar und erschüttert die Betroffenen psychisch zutiefst. Das Erleben ist geprägt von starker Angst, Hilflosigkeit und Entsetzen. Die Bewältigungsmechanismen der Betroffen sind massiv überfordert. Dies kann zu verschiedenen Trauma-Folgestörungen führen – am bekanntesten ist die Posttraumatische Belastungsstörung.

Was sind die Symptome einer solchen Belastungsstörung?

Die Posttraumatische Belastungsstörung zeichnet sich durch drei Beschwerdegruppen aus: Wiedererleben, Vermeidung und Übererregung. Den größten Leidensdruck erzeugt das Wiedererleben in Form von Albträumen oder Erinnerungsattacken, die so genannten Flashbacks. Ein solcher Flashback geht über das eigentliche Erinnern hinaus. Die Betroffenen erleben die Situation vielmehr wieder, so als ob sie sich tatsächlich wiederholen würde. Das sieht man auch an den körperlichen Reaktionen – zum Beispiel einem schnelleren Puls. Flashbacks können durch einen Sinneseindruck ausgelöst werden, der – häufig unbewusst – mit dem traumatischen Ereignis verbunden wird. Das kann die Betroffenen völlig unvorbereitet treffen.

Die Betroffenen vermeiden all das, was mit dem Ereignis in Zusammenhang steht – zum Beispiel den Ort, an dem es passiert ist. Sie ziehen sich häufig auch sozial zurück. Zudem kommt es zu dauerhafter körperlicher Übererregung, was wiederum zu Konzentrationsschwierigkeiten, Schreckhaftigkeit und Schlafproblemen führt.

Wie viele Menschen sind von solchen Problemen betroffen?

Das kommt auf den Schweregrad des Ereignisses an. Generell geht man davon aus, dass zwischen einem Viertel und einem Drittel der Beteiligten nach einem traumatischen Ereignis eine Störung entwickeln kann. Bei menschengemachten Ereignissen ist das Risiko dabei deutlich höher als zum Beispiel bei Naturkatastrophen. Bei einem Anschlag wissen die Betroffenen, dass jemand sie mit voller Absicht zum Ziel gemacht hat.

Was können Unternehmen tun, um ihre Beschäftigten in solchen Situationen zu unterstützen?

Wenn Unternehmen bei der Gefährdungsbeurteilung feststellen, dass sie ein erhöhtes Risiko für traumatische Ereignisse haben, können sie sicherstellen, dass im Ernstfall eine psychologische Erstbetreuung angeboten wird. Zum Beispiel indem sie eigene Erstbetreuer ausbilden. In Extremsituationen wie bei einem Anschlag wird die Erstbetreuung in Deutschland auch über die Kriseninterventionsteams (z.B. der Rettungsdienste) sichergestellt.

Warum ist diese Erstbetreuung so wichtig?

Soziale Unterstützung bietet nach einem traumatischen Ereignis einen entscheidenden Schutzfaktor davor, eine Belastungsstörung zu entwickeln. Es ist wichtig, dass die Betroffenen das Gefühl haben: Ich bin nicht allein, es kümmert sich jemand. Wichtig ist außerdem: Die Betroffenen fühlen sich durch ihre eigenen Reaktionen auf das Ereignis sehr verunsichert, haben Angst, sie seien verrückt. Hier kann der Erstbetreuer vermitteln, dass es sich um eine völlig normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis handelt. Diese „Normalisierung“ ist für die weitere Verarbeitung des Erlebten sehr wichtig.

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