Bangladesch war bis zum 24. April 2013 den meisten Menschen in Europa nicht besonders bekannt. Der Einsturz des Rana Plaza, eines neungeschossigen Gebäudes in Stahlbetonskelettbauweise, änderte dies schlagartig. In dem Gebäude waren überwiegend Textilunternehmen tätig und am Unfalltag starben durch den Einsturz  circa 1.100 Menschen.

Natürlich könnte man sagen, dass uns dieses Ereignis, so weit weg von Europa, nichts angeht. Jedoch waren viele der dort gefertigten Textilien für den europäischen Markt bestimmt. Man kann sich daher die Frage stellen, ob wir auf die Arbeitsbedingungen Einfluss hätten nehmen können.

Anfang 2014 war ich das erste Mal in Bangladesch. Zweck meiner Reise war es, als Referent an einer ersten Konferenz zu Arbeits- und Gesundheitsschutz in Dhaka teilzunehmen.

Nun könnte man sich die Frage stellen: Was macht eigentlich ein Mitarbeiter der Unfallversicherung dort? Sollte sich die Unfallversicherung nicht vorrangig um den Arbeitsschutz im eigenen Land kümmern? Darauf antworte ich immer: Das tun wir auch – aber den Blick über den Tellerrand zu richten, muss Teil einer umfassenden Präventionsstrategie sein. Menschen auf der ganzen Welt Leben und Arbeit in Würde zu ermöglichen, ist sicherlich der wichtigste Grund. Beachten sollte man aber auch, dass der globale Wettbewerb nicht auf Kosten von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit gehen darf. Zudem sollte man bedenken: Manche giftigen Stoffe, die hierzulande verboten sind, werden in anderen Teilen der Welt immer noch verwendet – zum Beispiel Asbest. Wer sicherstellen will, dass sie nicht am Ende doch noch bei uns landen, muss sich dafür engagieren, dass diese Stoffe weltweit aus dem Verkehr gezogen werden. Aus dieser Perspektive ist Hilfe für andere durchaus auch Selbstschutz. Arbeitgeber- und Versichertenvertreterinnen und –vertreter haben dies erkannt. Sie haben daher der gesetzlichen Unfallversicherung in ihrem Positionspapier zur Prävention den Auftrag gegeben, sich auch in anderen Ländern der Welt für sichere und gesunde Arbeitsbedingungen einzusetzen.

Unter Leitung von Quazi Q Zaman (Chairman DCH-TRUST; Mitte) wurde die Konferenz “Safety and Health Awareness Training to Improve Working Conditions In the Garment, Tannery and Construction Industries of Bangladesh” eröffnet.

Unter Leitung von Quazi Q Zaman (Chairman DCH-TRUST; Mitte) wurde die Konferenz “Safety and Health Awareness Training to Improve Working Conditions In the Garment, Tannery and Construction Industries of Bangladesh” eröffnet. Bild: privat

Die Konferenz im Hauptgebäude des Dhaka Community Hospital (DCH) war thematisch, organisatorisch und von den Teilnehmern (ca. 170)  sehr überzeugend.

An der dreitägigen Veranstaltung waren alle wichtigen Partner im Arbeitsschutz beteiligt. Die Konferenz zeigte sehr deutlich, dass Bangladesch elementare Elemente des Arbeitsschutzes benötigt. Hierzu gehören Ausbildung, Illustration der notwendigen Schutzmaßnahmen, klare Gesetzgebung und effektive Überwachung.

Was ich bemerkenswert finde: Die Unterstützung internationaler Partner, wie z.B. der ILO, der  IVSS Sektionen Bau, Bergbau, Elektrizität, der GIZ und der DGUV wird in Bangladesch mit offenen Armen willkommen geheißen. Die Menschen hier wissen um die Probleme, die sie haben, und sie wollen sie lösen.

Zwischenzeitlich hat sich die Zusammenarbeit mit DCH weiter entwickelt, eine große Arbeitsschutzkonferenz ist für November 2015 geplant. Zusätzlich hat es von Seiten der DGUV Gespräche auf Ministerebene gegeben, die zur weiteren Verbesserung des Arbeitsschutzes in Bangladesch beitragen werden.

Einiges ist bereits in Bewegung geraten: Seit Rana Plaza hat sich die Zahl der staatlichen Inspektoren vervielfacht, die Fabriken werden kontinuierlich überprüft, die Arbeitsbedingungen und der bauliche Zustand verbessert sowie Schließungen von Firmen wurden veranlasst. Der Mindestlohn wurde angehoben.

Am dringendsten sehe ich, dass erstmals statistische Daten als Grundlage der dringendsten Präventionsmaßnahmen erhoben und Schulungen für Unternehmer und Beschäftigte durchgeführt werden. Hierbei können die internationalen Partner hilfreich zur Seite stehen.

Es ist nicht einfach, bestehende Strukturen in anderen Ländern verbessern zu helfen. Jedoch hat man in Bangladesch den Eindruck, dass man die Unterstützung gerne annimmt und man unter den bestehenden politischen Gegebenheiten versucht, das Beste gemeinsam voran zu treiben. Gerade deswegen finde ich es eine schöne Aufgabe, dazu beizutragen, den Arbeitsschutz und die sozialen Bedingungen in Bangladesch zu verbessern.

Dies ist ein Gastbeitrag von Prof. h.c. D.I. K-H Noetel, Abteilungsleiter BG BAU und Beauftragter der DGUV.

Hinweis des Blog-Teams: Die International Labor Organization (ILO) hat im April in einem sehenswerten Clip dafür plädiert, Beschäftigte weltweit gegen Arbeitsunfälle zu versichern. Sie können sich den Clip (in englischer Sprache) hier anschauen: http://www.ilo.org/

 

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