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Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, hielt das Grußwort zur Auftaktveranstaltung zum Aktionsplan 2.0 der gesetzlichen Unfallversicherung. Foto: DGUV/Wolfgang Bellwinkel

Gestern hatte die DGUV in Berlin zur Podiumsdiskussion geladen: Auftaktveranstaltung für den Aktionsplan 2.0 der gesetzlichen Unfallversicherung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Arbeitsministerin Andrea Nahles schaute vorbei – zwischen DGUV und ihrem Ministerium sind es nur ein paar Schritte zu Fuß – und betonte in ihrem Grußwort nicht nur die gute Nachbarschaft, sondern auch die gute Partnerschaft im gemeinsamen Anliegen, wenn es um Menschen mit Behinderung geht. Ja, mehr noch: „Die gesetzliche Unfallversicherung ist uns einen Schritt voraus. Sie legt ordentlich vor – und wir werden zügig nachlegen“, so zeigte sich die Ministerin zuversichtlich, dass es bis zum Jahresende einen Entwurf auch für einen nationalen Aktionsplan 2.0 in Deutschland geben werde.

Wohltuende Worte für die DGUV als Vorreiterin in Sachen Inklusion und Partizipation, und doch kein Grund, sich auszuruhen. Schließlich, auch das kam bei der Podiumsdiskussion deutlich zur Sprache, brauche es Zeit, diese Themen in der Gesellschaft zu verankern. DGUV-Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Breuer fasste prägnant zusammen, worum es der gesetzlichen Unfallversicherung im Aktionsplan 2.0 geht: Bewusstseinsbildung, Inklusion und Partizipation – kurz: BIP – mit dieser Eselsbrücke könne man es sich gut merken. Die Abkürzung BIP, die ja ursprünglich für das Bruttoinlandsprodukt steht, symbolisiere, dass sich der Aktionsplan 2.0 auch im wirtschaftlichen Sinne auszahle. Der Aktionsplan 2.0 gilt für die Jahre 2015 bis 2017 und ist eine Fortsetzung des ersten Aktionsplans, mit dem die gesetzliche Unfallversicherung im Jahr 2012 als eine der ersten Institutionen in Deutschland gestartet war. Bei allen Handlungsfeldern gehe es um ein Ziel, betonte Dr. Joachim Breuer: “Klar zu  machen, dass jeder Mensch seinen Platz in unserer Arbeits- und Lebenswelt hat.”

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Podiumsveranstaltung bei der DGUV in Berlin: Zum Aktionsplan 2.0 zur Umsetzung der UN-BRK diskutierten (v.l.n.r.): Olaf Guttzeit (Arbeitgeberbeauftragter von Boehringer-Ingelheim), Jürgen Dusel (Beauftragter des Landes Brandenburg für die Belange behinderter Menschen), Arnd Spahn (Vorstandsvorsitzender Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau), Moderator Gregor Doepke (Leiter Kommunikation DGUV), Dr. Joachim Breuer (Hauptgeschäftsführer DGUV), Dr. Katrin Grüber (Leiterin des Instituts Mensch, Ethik und Wissenschaft) und Kirsten Bruhn (Ex-Paralympics-Athletin). Foto: DGUV/Wolfgang Bellwinkel

“Dass Menschen von ihren Fähigkeiten, nicht von ihrem Defizit aus betrachtet werden”, hatte die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, vor ein paar Monaten in einem Interview mit dem Tagespiegel zum Thema Inklusion gesagt. Die Podiumsdiskussion bei der DGUV, moderiert von Gregor Doepke (Leiter Kommunikation DGUV), bestätigte diesen Wunsch: Es war die Rede davon, “Verschiedenheit als Mehrwert anzuerkennen” (Olaf Guttzeit, Boehringer-Ingelheim), “die gesamte Umwelt in die Betrachtung einzubeziehen” (Prof. Rainer Schlegel, Bundessozialgericht) und “wirklich menschengerecht zu denken” (Arnd Spahn, Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau). “Inklusive Bildung ist vor allem wichtig für Menschen ohne Behinderung” (Jürgen Dusel, Land Brandenburg), schließlich gelte es, möglichst frühzeitig Barrieren abzubauen. Und wie könne man das besser als wenn man “gemeinsam etwas tut” (Dr. Katrin Grüber, Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft), oder, ganz einfach, “miteinander redet” (Kirsten Bruhn, Ex-Paralympics-Athletin) – wie es ja in einer gelungenen Partnerschaft auch der Fall sei.

Ist es eigentlich unhöflich, einem blinden Menschen “Auf Wiedersehen” zu sagen? Fragen wie diese, die bei der Podiumsdiskussion auch zur Sprache kamen, erübrigen sich oft dann, wenn man offen miteinander spricht. (Übrigens: Für alle, die doch lieber eine Anleitung dazu lesen möchten: Es gibt sie schon, die “Knigge-Tipps zum respektvollen Umgang mit behinderten Menschen”, herausgegeben hat sie der deutschen Knigge-Rat.) Sollte man bei der Bewerbung seine Behinderung lieber verschweigen? Auch das war eine spannende Frage aus dem Publikum, die durchaus kontrovers diskutiert wurde. Eindeutig dazu die Position von Jürgen Dusel, er selbst ist von Geburt an stark sehbehindert: “Für das Selbstwertgefühl eines Menschen ist es absolut fatal, Eigenschaften, die man hat, zu verschweigen.”

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“Gute Beispiele aus der Praxis der gesetzlichen Unfallversicherung”: Die 56-seitige Broschüre zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention liefert konkrete Beispiele samt Kontaktdaten.

Rege war die Diskussion darüber, ob – und falls ja, wo – Grenzen zu ziehen seien beim Thema Inklusion – aus Sicht von Olaf Guttzeit etwa dann, “wenn sich eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter allein auf die Behinderung reduziert”. Aus Perspektive eines globalen Unternehmens stelle er andererseits fest, dass sich Menschen mit Behinderung oftmals überdurchschnittlich engagieren, sie “gehen die Extra-Meile”. “Was wollen Unternehmen wirklich?” fragte Guttzeit, und lieferte auch gleich die Antwort: “Keine Programme, sondern Zukunftsfähigkeit durch eine nachhaltige Sicherung des Faktors Arbeit.” Bei der gesetzlichen Unfallversicherung ist er damit an einer guten Adresse, wenn es darum geht, das Thema Inklusion in den Arbeitsalltag hineinzutragen – schließlich hält die gesetzliche Unfallversicherung Kontakt zu fast allen Unternehmen und fast 75 Millionen Versicherten in Deutschland.

Am Ende der Auftaktveranstaltung zum Aktionsplan 2.0 stand der Wunsch, “nicht nur inklusiv zu denken, sondern auch inklusiv zu handeln“ (Kirsten Bruhn) und “dass wir nicht auf diesen Tag zurückblicken werden und sagen müssen ‘es war nur Papier’” (Dr. Joachim Breuer). Die gute Nachricht: Die guten Taten gibt es schon jetzt, davon zeugt eine kompakte Broschüre zur Umsetzung der UN-BRK mit vielen guten Beispielen aus der Praxis der gesetzlichen Unfallversicherung. Vom Fahrsicherheitstraining für Menschen mit Behinderungen über eine Checkliste für Barrierefreiheit bei Veranstaltungen bis hin zum Rollstuhlbasketball in Schulen – wer sich dafür interessiert, findet neben der Kurzbeschreibung des Projektes auch die Ansprechpersonen samt E-Mail-Adresse, die man dazu kontaktieren kann. Mit dem Aktionsplan 2.0 geht die gesetzliche Unfallversicherung nun einen Schritt weiter – sie will das Thema bis in die Arbeitswelt, in die Unternehmen hineintragen. Auf geht’s!

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3 Antworten auf Auftakt für den Aktionsplan 2.0 zur UN-BRK

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